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 Alhambra

Autoren: Kirsten Boie
Sprecher: Dieter Wien
Verlag: Jumbo Neue Medien

Cover
Gesamt +++++
Anspruch
Aufmachung
Brutalität
Gefühl
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
Ton


Alhambra. Allein der Name weckt ungeahnte Sehnsüchte in dem dreizehnjährigen Boston. Der Junge ist mit seiner Schule zu einer Spanischreise nach Granada gereist. Hier sollen die Schüler ihre Spanischkenntnisse verbessern und ein wenig über die Geschichte der Stadt erfahren.
Wie viel Boston über die historischen Begebenheiten von Granada erleben soll, ahnt er nicht im Mindesten. Denn als er sich allein auf die Suche nach einem Geschenk für seine Mutter macht und zufällig eine alte Fliese in einem der Kramläden der Alcaicería, dem arabischen Touristenmarkt, anfasst, erlebt er Unglaubliches. Mit einem Mal ist Boston ins Granada der spanischen Reconquista, der Eroberung der letzten maurischen Bastion nach siebenhundertjähriger arabischer Herrschaft in Spanien durch das Königspaar Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragónder, gelangt. Boston ist in wenigen Sekunden mehr als fünfhundert Jahre in die Vergangenheit gereist.

Doch wie soll er in der Zeit der Inquisition, der Judenverfolgung und der Vertreibung des letzten maurischen Herrschers, in einer Zeit des Hasses und Misstrauens zwischen den Religionen wieder nach Hause finden? Wie soll er überleben in einer Zeit, in der ein Wort genügt, um in auf den Scheiterhaufen zu bringen?
Wider Erwarten freundet er sich mit einem Araberjungen namens Tariq und dem Juden Salomon an, die ihm helfen wollen. Zwar können sie Boston seine Geschichte kaum glauben, doch wie ist sonst zu erklären, was der Fremde bei sich trägt? Das Handy, ein Reiseführer und ein Tütchen Ketchup sind so unfassbar fremd, das Verhalten von Boston so seltsam, dass sie ihm schließlich glauben. Auch die Tochter der Königin, die ihn durch eine folgenschwere Verwechslung für ihren Bräutigam hält, glaubt Boston. Wie kann der Junge ahnen, dass ausgerechnet der Ketchup ihn der Gefahr aussetzt, auf den Scheiterhaufen zu kommen?

Nur einen Monat nach Erscheinen des neuen Romans von Kirsten Boie ist auch das Hörbuch erschienen. Auf acht CDs und eine Lauflänge von fast elf Stunden bringt es der Vortrag von Dieter Wien. Das Layout der CD-Hüllen, des Booklets und der Papphülle ist exquisit. Dank des Vorwortes von Kirsten Boie ist es möglich, historische Fakten und erfundene Details der Geschichte bereits vorab einzuordnen. Auch das kleine Lexikon der verwendeten Begriffe und Floskeln ist sehr hilfreich.
Da auch Dieter Wien eine erstklassige Leistung abgibt - beeindruckend seine Fähigkeit über elf Stunden hinweg Spannung, ja Dramatik zu erzeugen - bleibt als Kritikpunkt nur die Musik. Sie ist zwar angelehnt an orientalische Vorbilder, klingt gelegentlich aber viel zu stark nach Rhythmusmaschine und Computer. Auch die immer wieder erklingende Grundmelodie nervt bisweilen ein wenig, trübt den Hörgenuss aber kaum, da sie nur als Trennung und Überleitung fungiert.

Bleibt die Geschichte selbst. Die Autorin vermischt die glänzende Darstellung des historischen Granada mit Elementen der Science-Fiction- und Fantasy-Literatur, indem sie ihren Helden Boston eine Zeitreise unternehmen lässt. Ob die Geschichte auch ohne diesen Kniff funktioniert hätte, sei dahingestellt, denn etwas merkwürdig ist die Umsetzung schon. Verschiedene Hürden, wie die perfekten Sprachkenntnisse des Jungen oder bewusst falsche historische Einschübe wie die nicht stattgefundene Reise des Bräutigams von Johanna, wären kaum nötig gewesen, hätte sich Kirsten Boie auf die Zeit um 1492 konzentriert.
Doch die immense Spannung, die enorme Dramatik, die sie erzielt, indem sie einen Menschen heutiger Erziehung und Bildung der spanischen Inquisition aussetzt, entschädigt für einige Windungen der Story.

Zentrale Bedeutung aber erlangt diese Konstruktion durch die Gegenüberstellung der historischen Judenverfolgung und dem Hass gegen die Mauren im Jahre 1492 mit den aktuellen Geschehnissen der Weltpolitik.
Boie vermittelt ein anderes, wahres Bild des Arabers, des Juden und des "Schweinefressers", also des Christen. Sie prangert die Fremdenfeindlichkeit der Christen damals, ihre Phobie vor allem Anderen, ihre Angst vor einem gleichberechtigten Nebeneinander an und entlarvt die Zustände von 1492 als hochaktuell. Der Jugendliche, der dieses Buch liest, dieses Hörspiel verinnerlicht, fragt sich immer wieder, warum die Menschen sich so unnötig verfolgen, töten, hassen. Warum 1492, warum heute? Boie gelingt mit dieser Geschichte, was kaum ein Zeitungsbericht, kaum ein mahnendes Politikerwort vermag, nämlich die Menschenwürde jedes Menschen, ob Moslem, Christ oder Jude, zu achten. Ohne auch nur die Spur aufdringlich zu sein, vermittelt Boie die christlichen Werte der Nächstenliebe in ihrer allumfassenden Bedeutung.
Mit Scham und Entsetzen fragt sich der Hörer immer wieder, warum es in fünfhundert Jahren nicht möglich war, einander zu verstehen und zu achten.

Einen fantastischeren Beitrag zum Miteinander der Religionen, zu gegenseitigen Verständnis hat es lange nicht gegeben. Dass er im Gewand eines Fantasy-Romans, einer Geschichte für Jugendliche daherkommt, mag erstaunen oder verblüffen - sinnvoll ist es allemal, denn wer, wenn nicht Kinder ab zwölf Jahren kann diese Botschaft unmittelbar umsetzten, ohne wieder mit einem großen aber Einwände geltend zu machen?

Stefan Erlemann



CD | CD-Anzahl: 8 | Erschienen: 01. September 2007 | ISBN: 9783833719820 | Laufzeit: 651 Minuten | Preis: 26,89 Euro

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