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 Metamorphine


Cover
Gesamt +++--
Anspruch
Aufmachung
Preis - Leistungs - Verhältnis
Was kommt heraus, wenn man Tori Amos, Emily the Strange und Björk mit programmierten Beats, synthetisch-intensiven Klängen und gelegentlichem Piano-Einsatz vermengt? Wer das herausfinden will, sollte sich die CD "Metamorphine" von Leandra kaufen. In elf Songs entführt sie den Hörer in ihre Wahrnehmungswelt, lässt ihn an den emotionalen Extremsituationen teilhaben, nach denen sie die Lieder komponiert hat und entlässt ihn am Ende der CD in eine Realität, die plötzlich sehr fremd wirkt. Wenn man das Wagnis auf sich genommen hat, das Album am Stück zu hören, bedarf der Verstand in der Tat einer gewissen Erholungspause.

So wirklich definieren lässt sich der Stil nicht. Esoterischer Synthie-Goth-Pop trifft es vielleicht ein wenig, denn das einzige, was hier echt ist, sind Stimme und Piano. Dass Leandra schon seit früher Kindheit eine begnadete Pianistin ist, klingt leider nur allzu selten auf dieser CD durch, am deutlichsten in Track 6 "Angeldaemon", bei dem das elektronische Beiwerk sehr dezent hinter dem Klavierspiel und der kehligen Stimme der weißrussischen Sängerin zurückbleibt. Dieser Song ist zugleich der normalste auf dem Album, gleich gefolgt vom Befremdlichsten: In "Tyberi folla" unterhalten sich zwei Astralwesen - es ist zu hoffen, dass die Kauf-CD über ein Booklet verfügt, das über die Songtexte Aufschluss gibt, dem Rezensionsexemplar im Pappschuber lag keins bei - und diesen Song singt Leandra in einer Fantasiesprache, zugleich ist ihre Stimme verzerrt und der Dreivierteltakt mit einem Vierviertelrhythmus oder auch nur mit Percussion-Effekten unterlegt ... Da freut man sich auf das ruhige und entspannende "Son of Venus" ... bis zum schrägen Refrain. Normal ist diese Musik jedenfalls nicht, soll sie aber auch nicht sein. Beinahe rebellisch probiert Leandra ungewöhnliche Melodieführungen aus, scheut Disharmonien nicht, löst sie aber immer wieder in akustisches Wohlgefallen auf.

Leandras Stimme ist interessant, sie weiß damit umzugehen, das Kehlige stört nicht. Mal schleichend-gehaucht und mit einem gefährlichen Unterton in Track 9 "Lullaby", mal lockend und verhängnisbringend in "Lie to me", dem einzigen wirklichen Ohrwurm. Die Texte sind - sofern man sie versteht - typisch Gothic, da wird über die Seele gesungen, über Träume, der Kontrast zwischen "inside" und "outside", zwischen Geist und Körper, wird oft besungen, dazwischen geht es um Menschen, die der Künstlerin als Katalysatoren gedient haben, etwa "Lie to me", und um andere, die sie belastet haben, etwa der Stalker, von dem sie in "Noisy awareness" mit bitterer Stimme erzählt. Und "The art of dreaming"ist ein Duett mit Sven Friedrich von Dreadful Shadows - mit ihm deswegen, weil sie ihm im Traum begegnet ist.

Diese Musik ist ein 55-minütiger Taumel durch sehr schräge Gefühlswallungen und ungewöhnliche Melodien, immer ein wenig depressiv, was ein wenig durch die Stimme der Sängerin unterstützt wird, hauptsächlich aber durch die Machart der Songs, alle schwermütig, traurig, zornig, wahre Lebenslust kommt da nicht auf. Die Songs sind entweder pianolastig, was gut ist, oder mit Elektro-Sound überladen, was immerhin stimmig ist. Ein bisschen mehr harte E-Gitarre, wie man sie in "Lullaby" oder Track 10 "Pi" zu hören bekommt, wäre hilfreich gewesen, hätte andererseits aber die trostlose Stimmung zu sehr "aufgehellt". Diese Musik nimmt und lullt ein, man sollte sie nicht in Situationen wie etwa am Steuer eines Autos hören. Für Rollenspiel ist sie nur geeignet, wenn man eine Massensuizid-Szene auf einem Friedhof spielen will - oder bei Dark Fantasy, aber auch da gibt es geeignetere Musik.

Solche Musik hat ihre Fans und die werden Leandra lieben. Wer mit Gothic nichts am Hut hat und die Welt um sich herum vielleicht schon als kompliziert und trostlos genug oder aber auf der anderen Seite als zu schön für Depri-Stimmung empfindet, kann sich Leandra gerne sparen - oder auf www.leandrasphere.de einfach mal reinhören. Es ist durchaus Kunst und die Künstlerin weiß, was sie tut, aber es ist sehr abgehobene und anstrengende Kunst, die einen gut vorbereiteten Musikgeschmack erfordert.

Stefan Knopp



CD | CD-Anzahl: 1 | Erschienen: 1. Februar 2008 | Laufzeit: 55 Minuten | Preis: 16,95 Euro

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