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 Eine Geschichte von Liebe und Finsternis


Cover
Gesamt +++++
Anspruch
Brutalität
Spannung
Amos Oz hat in seinem Buch "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" sich selbst als Hauptfigur gewählt, bestreitet jedoch, dass es ein autobiografisches Buch sei. Die Frage, was an diesem Buch erdacht ist und was reale Sachverhalte widerspiegelt, so schreibt er, sei eine Frage des schlechten Lesers. Der gute Leser dagegen tauche selbst in das Buch ein und stelle eine Verbindung zwischen Text und Leser her. Amos Oz durchlebt die Entstehung des Staates Israel und bringt auf alltägliche Weise alle Probleme, die sich in diesem kleinen Ausschnitt der realen Welt ergaben, herüber.
Mit einer modernen Sprache schildert er die großen Probleme, denen sich Israel stellen musste. Aber auch die zukünftige politische und soziale Richtung und der Umgang mit den Arabern gehören beispielsweise zu den Themen, mit denen sich der Autor auseinandersetzt.

Amos Oz schildert dies auf eine lustige und selbstironische Weise, bei der er mit Vorurteilen spielt. Literatur ist ein immer wiederkehrendes Thema in diesem Buch. Literaten (beziehungsweise ihre Werke und Figuren) werden nicht nur als beschreibende Metaphern verwendet, sondern sind auch ein wichtiger Bestandteil in Oz' persönlicher Geschichte sowie in der Geschichte Israels. Es verwundert also nicht, dass man allerlei Autorennamen und Buchtitel im Text findet. Hinzu kommt auch viel jüdisches Vokabular, welches leider für Unwissende nicht übersetzt wird, das Verstehen des Textes aber auch nicht mindert.

Amos Oz ist in Israel geboren und berichtet vom Leben derjenigen, die nicht im Land geboren wurden und erst im Nachhinein dorthin kamen. Er führt den Leser auf eine Reise in die Geschichte Israels und der Juden. Seine Sprache ist metaphorisch, humorvoll und klar, aber auch gespickt mit russischen, hebräischen und jiddischen Begriffen und allerlei Fachtermini aus der jüdischen Religion, der Literaturwissenschaft und anderen Bereichen. Das Buch ist dadurch nicht an allen Stellen einfach, aber doch immer sehr schön zu lesen. Der Erzählstil ist flüssig und die Charaktere tiefgründig, ohne in Details zu versinken. Auf eine leichte Weise wird sehr viel vermittelt, ohne den Leser mit Fakten, Beschreibungen und Kleinigkeiten zu überschütten. Dennoch muss betont werden, dass sowohl Inhalt als auch Stil gehoben und anspruchsvoll sind.

Aufgrund der gewählten Thematik ist es wichtig zu erwähnen, dass Amos Oz die Juden nicht einseitig beschreibt oder als generelle Opfer hinstellt. Er greift Vorurteile gegenüber Juden auf, spielt mit ihnen und geht kritisch mit der jüdischen Geschichte um. Gerade auch das Leid, das die Araber in Palästina erleiden, wird vom ihm thematisiert, wobei er versucht, alle israelischen Richtungen darzustellen und nicht einseitig Partei zu ergreifen. Seine Unvoreingenommenheit ist ein weiterer Pluspunkt des Buches. Es ist nicht nur unterhaltend, sondern auch sehr informativ. Das Buch hilft zu verstehen, warum Israel so ist, wie es heute ist. Die Vergangenheit seiner Bewohner wird dargestellt und erlaubt Rückschlüsse auf die heutige Situation.

Neben der Betrachtung des Staates Israel ist Amos Oz' Familiengeschichte ein weiterer zentraler Punkt. Das Schicksal seiner Mutter arbeitet er hier zum ersten Mal auf, was auch deutlich zu spüren ist. Besonders im letzten Teil des Buches widmet sich Amos Oz seiner Mutter. In diesen Abschnitten geht der vorher verbreitete Humor verloren. Die Emotionen, die der Autor während des Schreibens hatte, und die Schwierigkeiten, vor die ihn dieses intime Thema stellte, sind am häufigen Wechsel der Thematik in den letzten Kapiteln zu bemerken. Unweigerlich spürt man, wie schwer es dem Autor gefallen sein muss, die persönlichen familiären Erfahrungen seiner Kindheit aufzuarbeiten.

Die beiden Themenbereiche sind in diesem Buch stark miteinander verwoben. Man kann deutlich sehen, wie die Gesellschaft und die Geschichte sich auf das Leben der Individuen auswirken und wie sie ihrerseits wieder auf die Geschichte und die Gesellschaft einwirken können.
Erschienen ist das Buch erstmals im Jahr 2002 auf Hebräisch. Zwei Jahre später wurde es schließlich von Ruth Achlama ins Deutsche übersetzt. Die Übersetzung wirkt sehr gelungen, sind doch besonders die Gedichte im Buch nicht an das deutsche Reimschema angepasst worden, sondern wurden möglichst nahe am Original belassen.

Fazit: "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" ist sehr lesenswert. Amos Oz schreibt auf interessante und fesselnde Art und gibt den Charakteren eine sehr persönliche Note. Letzteres kommt wohl auch daher, dass die Charaktere reellen Personen aus seinem Bekannten- und Verwandtenkreis entsprechen. Unterstützt wird das Ganze durch seinen beeindruckenden Umgang mit der Sprache. Die Wortwahl ist klar und direkt. Man findet eindeutige Formulierungen, die genau die Emotionen der Hauptperson wiedergeben. Der Inhalt steht definitiv im Vordergrund, jedoch kommt ein außergewöhnlicher Sprachgenuss hinzu.

Die 764 Seiten des Buches geben einen tiefen Einblick in die Kindheit einer interessanten Person, aber auch in die wichtigen Jahre vor und nach der Gründung des Staates Israels. Ohne sich für seine Vergangenheit zu schämen, schildert Amos Oz Details aus seiner Jugend, die im Widerspruch zu seinen heutigen Ansichten zu stehen scheinen. In Israel ist Amos Oz ein stark kritisierter Autor, der für viele den unverständlichen Schritt der Versöhnung von Israelis und Palästinensern fordert. Und auch in diesem Zusammenhang sollte sein Buch betrachtet werden, werden doch nicht nur "Liebe" und "Finsternis" im Leben Amos Oz' geschildert, sondern auch dergleichen im Staat Israel und der Beziehung der Israelis zu den Palästinensern.

Jens Fleischhauer



Hardcover | Erschienen: 1. August 2004 | ISBN: 9783518416167 | Originaltitel: Ssipur al ahava wechoschech | Preis: 26,80 Euro | 764 Seiten | Sprache: Deutsch

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