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 Als der Mann kam und mich mitnahm

Die Geschichte eines Missbrauchs


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Gesamt +++++
Anspruch
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Bildqualität
Brutalität
Gefühl
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung


Vier Jahre ist Heidi alt, als sie zum ersten Mal vom zu dieser Zeit vierzehnjährigen Nachbarsjungen missbraucht wird. Ihre Eltern sind in das idyllische unterfränkische Dorf Eschenau gezogen und fühlen sich dort gut integriert. Sie begreifen nicht, warum ihre älteste Tochter sich zur störrischen Einzelgängerin entwickelt.
Heidi empfängt von ihrem Peiniger die üblichen Drohungen und Vorwürfe, etwa, sie sei böse und schuld daran, dass all das geschehe - er könne ja nicht anders -, und die Warnung vor Ausgrenzung: "Wenn du etwas verrätst, wird deine Familie aus dem Dorf gejagt!" Denn Heidis Eltern sind ja keine Bauern, sondern Zugereiste, Arbeiter.
Heidi ist nicht imstande, Selbstbewusstsein zu entwickeln. Als sie glaubt, ihr Albtraum sei ausgestanden, weil ihr Vergewaltiger zur Bundeswehr muss, entdeckt sie ein weiterer Jugendlicher aus dem Ort als Opfer seiner krankhaften Begierden und macht sie sich gefügig, mit denselben Argumenten wie sein Vorgänger.
Jahrzehnte später wird Heidi bei einem Besuch in der Heimat mit einem weiteren Opfer konfrontiert. Und sie erfährt, was die meisten Dorfbewohner unter der Hand wissen: Ihre beiden Vergewaltiger haben sich an etlichen weiteren Mädchen vergangen. Heidi, die bisher vor ihrer Vergangenheit geflohen ist, bis in die USA, findet den Mut zur Anzeige, um weitere Kinder zu schützen.
Das aber duldet die Dorfgemeinschaft nicht. Nestbeschmutzer sind hier nicht willkommen. Eine Hetzjagd auf die Opfer beginnt, die ihresgleichen sucht. Selbst die evangelische Pastorin schlägt sich auf die Seite der Täter.

Der "Fall Eschenau" fand 2007 in den Medien ein beträchtliches Echo. Das vorliegende Buch befasst sich nun mit den Hintergründen und stellt detailliert die Leiden des Hauptopfers, Heidi Marks, vor. Vielleicht ist die eigentliche Geschichte, der über Jahre anhaltende Missbrauch eines Mädchens durch zwei Männer, nicht einmal so bestürzend wie die Reaktion der Dorfgemeinschaft auf die Offenlegung dieses scheinbaren Geheimnisses. Da beide Täter bis dahin als unbescholtene, verdienstvolle Mitglieder der Kommune galten und einer sich durch Selbstmord der Justiz entzog, wandten sich zahlreiche Dorfbewohner gegen die Opfer. Dies gipfelte in handfesten Drohungen, "Mobbing" und Sachbeschädigung.
Heidi Marks lässt den Leser teilhaben an einem insbesondere für "nicht vorbelastete" Frauen unvorstellbaren Martyrium, an den Ängsten und der totalen Selbstzerstörung, die durch die ständigen Nachstellungen und den Missbrauch ausgelöst wurden. Ohne Rachsucht schildert sie die Hölle, durch die sie gehen musste. Gerade die Sachlichkeit und doch nur vordergründige Distanz der Darstellung bestürzen den Leser zutiefst, der sich nur ein ungenügendes Bild vom Leiden des kleinen und heranwachsenden Mädchens machen kann, das glaubt, selbst dafür verantwortlich zu sein, dass die beiden Männer sich auf verwerfliche Art zu ihm hingezogen fühlen - und um die Zukunft seiner Familie im Dorf fürchtet.
Der zweite Teil des Buchs wurde von der Journalistin Susanne Will verfasst. Sie hat versucht, anhand von Berichten und Interviews möglichst allen direkt oder indirekt Beteiligten gerecht zu werden, und untersucht den "Fall" daher aus den verschiedensten Blickwinkeln. Hier kommen auch diejenigen zu Wort, die für die Täter eine Lanze brechen, in anderen Berichten freilich wird wiederum über sie der Stab gebrochen. Insbesondere die evangelische Kirche mit ihrer Pastorin, die sich sofort auf die Seite der "Dorfgemeinschaft" schlägt, kommt auch aus objektiver Sicht nicht gut weg.
Bei diesem Buch handelt es sich um keine Abrechnung, nur um eine schmerzvolle Schilderung eines jahrelangen, unter den Teppich gekehrten Missbrauchs, oder eigentlich um eine Kette von Missbrauchsfällen in einem kleinen Dorf. Das Leid der Einzelnen wird gegen die scheinbare Harmonie der Dorfgemeinschaft aufgerechnet, eine heile Welt, die so nicht existiert hat.
Die Lektüre fordert Zivilcourage und den Mut zu objektiver Beobachtung ein, zeigt sie doch, welch fatale Folgen Wegsehen und Nicht-wahrhaben-Wollen zeitigen. Der böse Mann sieht meistens gar nicht böse aus. Er kann im sozialen Umfeld eine achtbare Position belegen, die ihn in den Augen der "anderen" unangreifbar macht. Umso bedeutsamer sind Bücher wie jenes des mutigen Opfers Heidi Marks, die Schamgrenzen überwunden hat, um anderen Kindern ein Schicksal wie das ihrige zu ersparen.

Regina Károlyi



Hardcover | Erschienen: 01. April 2008 | ISBN: 9783771643683 | Preis: 16,95 Euro | 272 Seiten | Sprache: Deutsch

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