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 Die Geschichte von der 1002. Nacht

Autoren: Joseph Roth
Regisseure: Alexandra Sternbach
Sprecher: Michael Heltau
Verlag: Diogenes

Cover
Gesamt ++++-
Anspruch
Aufmachung
Gefühl
Humor
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
Ton


Der Schah von Persien ist seines Umfeldes und seiner 365 Haremsdamen überdrüssig; sein Obereunuch empfiehlt ihm zur Zerstreuung eine Reise nach Wien, wo er vom Kaiser mit allen Ehren empfangen wird.
Zum Entsetzen der Gastgeber findet die verheiratete Gräfin W. das Gefallen des Schahs, und er möchte sie für eine Nacht. Dies nun widerspricht natürlich den Moralvorstellungen der Gesellschaft in der Habsburger-Monarchie. Rittmeister Baron Taittinger, für besondere Verwendung abgestellt, findet eine einfache Lösung: Selbst einmal in Gräfin W. verliebt gewesen, hat er sich mit der kleinbürgerlichen Mizzi Schinagl getröstet, die dieser ähnlich sieht, sie geschwängert und sitzen gelassen. Mizzi ist mittlerweile im Freudenhaus gelandet und bereit, sich an dem Betrug zu beteiligen. Der Schah bemerkt den Frauentausch nicht, sondern ist mit der, wie er glaubt, von ihm selbst ausgewählten mitteleuropäischen "Kost" ganz zufrieden und revanchiert sich mit einer ausgesprochen wertvollen dreireihigen Perlenkette.
Doch es hat den Anschein, als laste fortan ein sich immer mehr verstärkender Fluch über allen, die an dem pikanten Komplott mitgewirkt haben. Mizzi verkauft die Perlen, lebt eine Weile recht gut und schickt ihren Sohn auf ein Internat, doch dann wird sie von einem Geschäftsmann, dem sie ihr Geld anvertraut hat, hinters Licht geführt, steht plötzlich mittellos da und muss sogar ins Gefängnis. Ihr Sohn entwickelt sich schlecht. Das Etablissement, in dem Mizzi gearbeitet hat, verliert seine Popularität, und die Besitzerin muss es verkaufen und sich an ein einfacheres Leben gewöhnen.
Taittinger holen die Folgen der Affäre später ein. Er wird, aufgrund seiner Oberflächlichkeit und Leichtgläubigkeit bereits finanziell ruiniert, unehrenhaft aus der Armee entlassen.
Als der Schah viele Jahre nach seinem ersten Besuch erneut nach Wien kommt, begegnen ihm unvermittelt die Schatten seines vorhergehenden Aufenthalts in der Donaumetropole.

Joseph Roth ist ein Meister im Entwerfen tragischer, teils auch tragikomischer Charaktere. Besonders hat es ihm das einfache Volk angetan. Nicht nur die naive, etwas bequeme Mizzi wirkt ungeheuer lebensecht, ebenso auch ihre Chefin im Freudenhaus und so manche andere Figur, die dem Hörer im Laufe der acht CDs vertraut wird.
Ein wahrer Wurf ist Roth mit der Person des Rittmeisters Taittinger gelungen, einem oberflächlich-herzlosen, dabei durch und durch soldatischen, nach Abwechslung lechzenden und im Grunde hilf- und erfolglos nach Liebe und Beständigkeit suchenden jungen Baron, der im Lauf der Jahre zwar eine gewisse Entwicklung durchmacht, jedoch durch das Schicksal immer wieder zurückgeworfen wird. Er repräsentiert in besonderer Weise die schon müde Dekadenz der absterbenden Habsburgermonarchie, ist durchaus liebenswert und zugleich auch ein abstoßend schwacher, lächerlicher Charakter. So wenig er sich von Mizzi lösen kann, die doch eigentlich nur ein flüchtiges Abenteuer werden sollte, kommt sie von ihm los, obwohl sie nach und nach vor allem finanzielles Interesse an ihm entwickelt.
Der Autor kannte die offensichtliche Sinnlosigkeit des Daseins aus eigener Erfahrung. Sicher sind Eindrücke seines eigenen Lebens in dieses Spätwerk des Autors eingeflossen, sofern man bei einem infolge einer bestürzenden persönlichen Biografie verhältnismäßig jung verstorbenen Schriftsteller überhaupt von einem Spätwerk sprechen kann. Sein in einem klaren, ausdrucksstarken Stil gehaltener Roman ist zugleich unterhaltsam und erschütternd, stellenweise ein wenig langatmig, von der Handlung her gelegentlich verästelt, ohne verwirrend zu wirken. Es gelingt Roth vorzüglich, eine verlogene, oberflächliche, erstarrte, stagnierende Gesellschaft zu entlarven und anhand einer Handvoll repräsentativer Charaktere zu porträtieren, die verzweifelt auf der Suche nach Liebe sind und dies nicht wahrhaben wollen.
Der Sprecher Michael Heltau vermag es, das Flair des Romans perfekt wiederzugeben. Sein, wo erforderlich, eingebrachter Wiener Dialekt, überhaupt der leichte Wiener Einschlag in seiner Aussprache geben dem Hörbuch eine wunderbare Authentizität. Er weiß die Dramatik darzustellen, ohne manieriert aufzutreten, und gestaltet die lange Lesung abwechslungsreich und kurzweilig.
Billig ist dieses Hörbuch nicht, wer aber hochwertige Literatur in einer nicht minder hochwertigen Lesung angeboten bekommen möchte, macht mit dem Kauf der Diogenes-Ausgabe keinesfalls einen Fehler. Auch die gefällige Ausstattung, ein stabiles Pappkästchen von schlicht-schönem Layout und einzeln, ebenfalls in Pappe verpackte CDs, überzeugt.
Ein von Inhalt, Produktion und Gestaltung her empfehlenswertes Hörbuch!

Regina Károlyi



CD | CD-Anzahl: 8 | Erschienen: 01. Mai 2008 | ISBN: 9783257801989 | Laufzeit: 543 Minuten | Preis: 39,90 Euro

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