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 Adiós, ihr Jungs!


Gesamt +++--
Anspruch
Aufmachung
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
Alicia hat eine unfehlbare Methode entwickelt. Die kubanische Hure benutzt ein teures Mountain-Bike, einen Rucksack, aus dem einige Papierrollen und ein Lineal herausragen, und sehr, sehr knappe Shorts. Wenn sie nun vor einem vielversprechenden Ausländer herfährt und bemerkt, dass dieser ihr langsam folgt, ohne Zweifel ihr wundervoll auf dem etwas zu hoch gestellten Sattel zur Geltung kommendes Gesäß betrachtend, zieht sie einen kleinen Metallstift aus einer Halterung. In diesem Moment lösen sich die Pedale und Alicia fällt gekonnt über die Lenkstange kopfüber auf das Pflaster. Sie ist zwar unverletzt, hält sich aber zweifelnd ihr Knie, ihren tiefen Ausschnitt wohlberechnet genau ins Blickfeld ihres Opfers drehend. Sie erlaubt dem um sie besorgten Ausländer, sie nach Hause zu fahren, lehnt jede finanzielle Zuwendung ab und prüft eingehend, ob er über genügend Kleingeld verfügt.
Nach der Einleitung folgt eine Phase der Annäherung, die langsam und unmerklich zu einer Liaison wird. Niemals aber nimmt sie Geld an oder lässt sich in teure Restaurants einladen. Sie nimmt allenfalls Nahrungsmittel, eine Klimaanlage, die wie zufällig den Geist aufgibt, oder eine neue Armbanduhr an.
Doch an diesem Morgen begegnet sie einem Mann, der nahezu ideal zu sein scheint. Victor King ist reich, sieht aus wie Alain Delon und zeigt eine sexuelle Leistungsfähigkeit, die Alicia beeindruckt. Kaum zwei Wochen später bietet ihr dieser Traummann die Luxuswohnung, ein fürstliches Gehalt und seine eigenen Dienste an, wenn sie ihre "Methode" gelegentlich in seinem Auftrag und vor einem riesigen Spiegel aufführt. Er und seine Frau Elizabeth würden auf der anderen Seite zusehen und ihre "Turnübungen" zur eigenen Stimulation nutzen. Alicia, praktisch veranlagt und die unsicheren Straßendienste leid, willigt ein. Sie ahnt nicht, dass sie Victor wenig später bei der Beseitigung einer Leiche helfen soll und Elizabeth mitnichten seine Frau, sondern sein männlicher Liebhaber ist. Doch das ist noch längst nicht alles, was Victor von ihr verlangt.

Daniel Chavarria legt mit "Adiós, ihr Jungs!" einen Roman ab, der dem unbedarften Leser die Schamesröte ins Gesicht treibt. Auf den ersten hundert Seiten nähert sich der Autor eher einem Pornogroschenroman denn einem Krimi. Der Klappentext und die Inhaltsangabe sprechen von einem kubanischen Krimi. Doch in Stil und Sprache ist es der Bericht einer Hure. Sie beschreibt minutiös, wie sie mit wem was treibt, und ein Krimi oder ein Roman ist dieses Buch zunächst mit Sicherheit nicht. Erst zur Mitte hin entwickelt sich urplötzlich eine Krimihandlung, immer wieder gewürzt mit sexuellen Details, die Leser von Kriminalromanen eigentlich nicht unbedingt wissen wollen und auch nicht erwarten.
Abseits dieses Etikettenschwindels ist der Roman in einer sehr einfachen Sprache gehalten, geradlinig und sehr direkt. Die Schilderungen sind plastisch, anschaulich und teils obszön. Gefällt einem diese Art freizügiger Darstellung, entwickelt der Roman einen ganz eigenen Charme. Er ist inmitten des kubanischen Straßenstrichs entstanden und beschreibt die Verhältnisse sehr realistisch, ohne jedes Pathos oder Nationalstolz. Vielmehr scheint es sich um den realistischen Bericht einer jungen Frau, ihrer ausweglosen Situation und ihrer Träume und Sehnsüchte zu handeln. Er zeichnet ein schonungsloses Bild des modernen Kuba, lässt keinen Moment Zweifel aufkommen, dass die Zustände so sind und niemand sie zu ändern trachtet.
In dieser sehr sublimen Art ist das Buch ein kritischer Kuba-Roman, allerdings stellt der Autor dies nie heraus oder in den Mittelpunkt. Immer nur beiläufig am Rande werden die erbärmlichen Bedingungen und Chancen der Armen deutlich, wird klar, dass Alicia keine andere Chance hat und dies sehr realistisch begriffen hat und das Beste daraus macht.

Ist dieses Buch nun ein Porno, ein gesellschaftskritischer Roman, ein Tatsachenbericht oder ein Kriminalroman? Von allem ein bisschen und vor allem vom ersten ein bisschen zu viel - zumindest für meinen Geschmack!
Wer diese Art Literatur mag, wird sich köstlich amüsieren, dieses Buch verschlingen und begeistert sein. Wer dies nicht mag, wird entsetzt sein und kaum bis zum Ende lesen. Das aber ist schade, denn zum Ende hin wird dieser Roman ein wirklich guter Krimi und vor allem Alicia wächst einem ans Herz. Ihr Realitätssinn, ihr Durchsetzungsvermögen und ihr ungeschminkter Blick auf die Männer sind absolut köstlich.

Stefan Erlemann



Softcover | Erschienen: 1. August 2006 | ISBN: 9783936791280 | Originaltitel: Adios, Muchachos! | Preis: 12,90 € | 210 Seiten | Sprache: Deutsch

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