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 Halbsichtigkeit - Ein Roman, den jeder anders verstehen kann

Ein utopischer Roman


Cover
Gesamt ++++-
Anspruch
Aufmachung
Brutalität
Gefühl
Humor
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung


Science-Fiction aus einer vielleicht gar nicht mal so weit entfernten Zukunft: Die Städte sind zu gigantischen, zentral gesteuerten und zum Schutz der Natur auch autarken Wohneinheiten geworden - Wohneinheit Deutschland, Wohneinheit Frankreich et cetera. Die Menschen leben nur noch in solchen Wohneinheiten, in denen jeder Bürger gratis über Wohnung und Grundsicherung verfügt. Alle Information ist per Netzwerk für jedermann frei zugänglich. Um der gewaltigen Informationsmenge noch Herr werden zu können, hat sich im Verlauf der Evolution allgemein die natürliche Fähigkeit der Synästhesie durchgesetzt - eine besondere Form von simultaner Wahrnehmung. Synästhesie ist so normal wie Riechen, Sehen, Hören, Schmecken oder Fühlen. Jeder Mensch verfügt über diese Fähigkeit, ohne die ein normales Leben kaum mehr möglich erscheint. Wirklich jeder?
Eine der wichtigsten Funktionen in den Städten ist die des Haustechnikers. Er leitet das gewaltige Rechenzentrum, das den reibungslosen Betrieb in der riesigen Stadt aufrecht erhält. Lissa kommt als Unterstützung zu Vonek, einem dieser Techniker. Ihr fällt auf, dass der nicht mit modernen Computern umzugehen vermag und seinen Job stattdessen mit antiquierten Maschinen verrichtet. Warum macht Vonek sich dadurch mehr Arbeit als nötig? Nach und nach stellt sich heraus, dass ihr Kollege an einer seltenen Entwicklungsstörung leidet - er ist kein Synästhetiker. Ihm fehlt das entsprechende Gen. Ein Behinderter, ein Mensch "zweiter Klasse". Er kann die Informationen nicht simultan verarbeiten. Im Netz lernt Lissa später den computerbegeisterten Cle kennen, der mit der gleichen Behinderung zu kämpfen hat. Gemeinsam entwickeln sie ein neues Neural-Interface, welches auch den Nichtsynästhetikern den vollständigen Zugang zum Informationspool gestatten soll. Sie kommen dabei einer Grenze gefährlich nahe - nämlich der Grenze dessen, was das menschliche Gehirn noch zu verarbeiten vermag. Als besonders heimtückisch erweisen sich in diesem Zusammenhang die unberechenbaren Schreibfehler ihres neuen Interface-Prototyps im Gehirn des Benutzers ...

Corinna John gelingt es mit ihrem 232 Seiten umfassenden Taschenbuch, ein neues Genre zu schaffen. Das Genre der Synn-Science-Fiction. Synästhesie, die besondere Form der simultanen Wahrnehmung, gibt es wirklich. Sie ist heute nur extrem selten, so dass Synästhetiker eine kaum jemandem bekannte Minderheit stellen. Corinna John dreht mit "Halbsichtigkeit" den Spieß um. In ihrem Buch bilden in der Zukunft die Nichtsynästhetiker die Minderheit, so dass alles aus Synästhetiker-Sicht geschildert wird. Die Abwesenheit von Synästhesie gilt als Behinderung; zwar kompliziert, aber durchaus spannend. Ein Buch, welches vom Leser - der aufgrund der technischen Beschreibungen unbedingt Kenntnisse aus der Computersprache mitbringen sollte - ein Mitdenken verlangt, gerade auch aufgrund der verschiedenen Handlungsstränge. Der Roman ist daher nicht gerade die leichteste Form von Unterhaltung. Doch es besteht durch die Faszination der Thematik eine enorme Festlesegefahr, denn mit immer wieder neuen und überraschenden Wendungen wird das Interesse des Lesers gefesselt.
"Halbsichtigkeit" beginnt etwas schleppend und ist nicht leicht zu lesen, denn es erfordert die volle Aufmerksamkeit des Lesers. Doch rasch wird der Roman geradezu furios und macht mit jeder Seite neugierig auf das, was da wohl als Nächstes kommen mag. Dabei verzichtet die Autorin in angenehmer Weise auf billige Effekthascherei und stellt trotz aller Technik immer wieder das menschliche Element in den Vordergrund. "Halbsichtigkeit" ist Science-Fiction für gehobene Ansprüche, welche zahllose Berührungspunkte mit der Social Fiction aufweist. Eine Story ohne Ballerei und übertriebene High-Tech-Errungenschaften. Eine Geschichte, in der es vordergründig zwar um Technik, im Grunde jedoch um Vorurteile und um Menschlichkeit geht. Das Buch hebt sich eben dadurch wohltuend aus der Masse der Sciene-Fiction-Romane ab. Für Nichtsynästhetiker ein ungewohntes, doch gleichzeitig hochinteressantes Terrain - eine fesselnde Abwechslung, die man keinesfalls verpassen sollte. Für Synästhetiker ein absolutes Muss.

Eckhard Freuwört



Taschenbuch | Erschienen: 01. Juni 2005 | ISBN: 3833432152 | Preis: 13,00 Euro | 232 Seiten | Sprache: Deutsch

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