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 Im Krebsgang


Cover
Gesamt +++--
Anspruch
Gefühl
Spannung
Der Journalist Paul Pokriefke entdeckt im Internet eine Seite über das im zweiten Weltkrieg untergegangene Flüchtlingsschiff "Wilhelm Gustloff". Der Webmaster ist sein eigener Sohn und Paul berichtet in diesem Buch über die Geschichte des Menschen Wilhelm Gustloff, des Schiffes "Wilhelm Gustloff" und seiner momentanen Situation. Wilhelm Gustloff, ein Parteianhänger der NSDAP wurde von dem Juden David Frankfurter in Davos ermordet und zu Ehren seiner Dienste für das deutsche Reich wird eines der "Kraft durch Freude"-Schiffe einige Jahre später auf seinen Namen getauft.

Zuerst dient das Schiff dem Urlaubsvergnügen der deutschen Arbeiter, später wird es zuerst als schwimmende Kaserne und schließlich als Flüchtlingsschiff verwendet. Mit circa 10000 Flüchtlingen an Board wird das Schiff während des zweiten Weltkrieges von den Torpedos des sowjetischen U-Bootes S13 unter der Leitung von Alexander Marinesko getroffen und sinkt innerhalb von zwei Stunden. Dabei kommen viele der Flüchtlinge ums Leben, da zu wenige Rettungsboote vorhanden sind und das ursprüngliche Passagierschiff nicht für eine solch große Masse an Menschen ausgestattet ist.

Eine der überlebenden des Untergangs ist Tulla Pokriefke, welche in dieser Nacht, entweder noch auf dem Schiff oder in einem der rettenden U-Boote, ihren Jungen Paul zur Welt bringt. Nach der Rettung flieht Tulla mit ihrem Sohn nach Deutschland, wo dieser in der DDR aufwächst. Doch die ständigen Geschichten seiner Mutter werden ihm schnell zur Last und so entschließt er sich, in dem westlichen Berlin ein Studium in der Medizin zu absolvieren, welches er jedoch schnell wieder abbricht. Als Journalist schlägt er sich durchs Leben und lernt seine zukünftige Frau Gabi kennen. Kurz nach der Ehe bekommen sie einen Sohn und wiederum kurz nach der Geburt, lässt sich Gabi von Paul scheiden und zieht weg.

Der Sohn, mit Namen Konrad, interessiert sich sehr für die deutsche Geschichte und gerät nach dem Mauerfall in die Hände seiner Großmutter Tulla. Von ihr erfährt er einiges über das Passagierschiff "Wilhelm Gustloff" und dessen Geschichte. Begierig nach mehr Wissen über die "glorreiche" Organisation "Kraft durch Freude" stellt Konrad weitere Forschungen an und gründet eine Website über den Blutzeugen Wilhelm Gustloff. Immer mehr gerät er in den Sog des Rechtsradikalismus und seine Großmutter begünstigt dies durch ihre Lobeshymnen auf die Organisation "Kraft durch Freude" und ihren ruhmreichen Erzählungen des Schiffes "Wilhelm Gustloff"...

Günter Grass hat mit diesem Buch mal wieder ein literarisches Meisterwerk geschaffen. Durch die beeindruckende Erzählung wird einem sowohl die Geschichte des Passagier- und Flüchtlingsschiff "Wilhelm Gustloff" näher gebracht als auch sonstige Einstellungen der Menschen in der Zeit des zweiten Weltkrieges. Er schreckt nicht davor zurück, genau zu beschreiben wie Mädchen und Jungen, Frauen und Kinder sterben und regt auf diese Art und Weise den Leser zum Nachdenken an. Gleichzeitig enthält sein Buch aber auch einen Appell gegen den Rechtsradikalismus.

Interessanterweise knüpft Günter Grass auch gerade gegen Ende des Buches noch Verbindungen mit verschiedenen politischen Bewegungen der heutigen Zeit.
Er bringt dem Leser die Charaktere seiner Geschichte näher und veranschaulicht mit ihnen das, was vielen anderen zu dieser Zeit ebenfalls in ähnlicher Form passiert ist. Gleichzeitig stellt er aber auch durch den Sohn Konrad eine Verbindung zur heutigen Zeit dar und zeigt, wie schnell ein "ordentlicher" Junge in rechtsradikale Kreise hineingeraten kann.

Diese Novelle ist sehr anspruchsvoll, doch lohnt es sich, diese zu lesen. Die ersten beiden Kapitel sind für den Leser sehr schwierig, da Günter Grass sehr viele Zeitsprünge in seiner Lektüre hat und somit nicht immer deutlich nachzuvollziehen ist, ob er gerade in der Gegenwart, bei Alexander Marinesko, bei seiner Mutter oder bei Wilhelm Gustloff ist. Doch spätestens am Ende des zweiten Kapitels ist man mit seinem Schreibstil vertraut und man wird an das Buch gefesselt. Um den Leser noch mehr in seinen Bann zu ziehen, verwendet Grass die Form des Ich-Erzählers für Paul Pokriefke, sodass er auch teilweise Gedanken und Gefühle seiner Hauptfigur beschreibt. Dabei kommt sehr gut Pauls Einstellung seiner Familie gegenüber zum Ausdruck und seine Unsicherheit, da er seit seiner Geburt immer nur als derjenige, der auf dem Schiff geboren wurde gilt und nicht als Mensch an sich. So bekommt er auch von seiner Mutter Tulla immer wieder gesagt, dass er unfähig sei und so entwickelt sich bei ihm ein ausgeprägtes Nichtigkeitsgefühl, welches Günter Grass auch durch seinen Schreibstil zum Ausdruck bringt.
Zwischendurch beschreibt er einige Kapitel sehr trocken. Vor allem jedoch diejenigen, die sich mit dem Untergang des Schiffes beschäftigen, da er damit das Unwohlsein Pauls zum Ausdruck bringt, der sich nicht mit dem Ereignis auseinandersetzen will.

Das Buch enthält auch immer wieder Hinweise und Verknüpfungen zu den älteren Werken des Autors.
Insgesamt kann man sagen, dass das Buch sicherlich kein Buch zur Entspannung ist, da es den Leser auch beansprucht und anregt nachzudenken. Jedoch macht genau dieser Umstand das Buch zu etwas besonderem, da man selbst überlegen muss, was die einzelnen, teilweise sehr unfassbaren, Charaktere denken oder fühlen und man versucht automatisch, sich weitere Bilder über das sinkende Schiff und die sonstigen Umstände vorzustellen.

Vera Schott



Taschenbuch | Erschienen: 1. März 2003 | ISBN: 9783423131766 | Preis: 9,50 Euro | 224 Seiten | Sprache: Deutsch

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