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 Der Afrikaner


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Gesamt +++++
Anspruch
Aufmachung
Gefühl
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
Ton


1948, Afrika. Das Land, in dem der Vater von Jean-Marie Gustave und seinem Bruder die Zeit des Krieges verbracht hat, getrennt von ihm und seiner Familie. Und plötzlich nun dieser Fremde: Ein Mann, der vorgibt, Jean-Marie Gustaves Vater zu sein, doch fremd geworden ist. Nicht nur durch die Jahre der Trennung, das Vergessen des erst Achtjährigen und die Umstände des Wiedersehens in einem Land, das selbst noch fremd ist, groß, unnahbar, unendlich anders. Nein, auch weil dieser Mann ein anderer geworden ist. Den die Trennung, die Angst um seine Frau und seine beiden Söhne und die Ungewissheit über ihr Schicksal ohne jede Nachricht hart haben werden lassen. Und durch seine Zeit in Nigeria, die dort herrschende Gewalt, den sinnlosen Tod so vieler, denen er nicht helfen konnte.
Dieser stumme, harte, fast grausame Mann, der doch sein Vater war und zugleich ein Fremder geworden ist. Den Afrika beheimatet, umsorgt und schließlich ins Unglück, die Einsamkeit und die Verzweiflung gestürzt hatte. Dieser Mann, den zu lieben erst das Alter erlaubte, den zu verstehen erst viele Jahre später möglich war, dieser Mann, der sein Vater war, der Afrikaner, den er nie kennen lernen konnte - jedenfalls nicht in Afrika, dem Kontinent, der die Seele des Achtjährigen für alle Zeit verändert hat.

Ein autobiografischer Roman, eine Studie über sich selbst, seine Wurzeln und vor allem über seinen Vater ist ein schwieriges Feld. Und wenn dies auch noch aus der Feder eines Nobelpreisträgers für Literatur geflossen ist, ist es ein anstrengendes, intellektuell forderndes, vermeintlich nur für eine belesene und hochgeistige Leserschaft verständliches Terrain. Mithin also ein Stück Literatur, das einem engen Leserkreis vorbehalten ist?

Weit gefehlt! "Der Afrikaner" ist spannend, hochinteressant, leicht zu verstehen und jedem Leser unter die Haut gehend. Und doch ist es ein literarisch brillanter Versuch, die eigenen Wurzeln zu beleuchten, den entfremdeten Vater zu verstehen, einen Kontinent innerlich zu erschließen, der doch so unendlich viele Facetten hat, wie Menschen, Völker und Nationen.

Michael Krüger liest diesen kleinen Roman, diesen Bericht über eine Kindheit, eine Reise in die Vergangenheit und nach Innen als wäre er selbst der Autor, selbst Le Clézio auf der Suche nach sich und seinem Vater. Er entschlüsselt diesen Text, gibt ihm eine Stimme und ein Gesicht. Lässt den Hörer teilhaben an einer schmerzhaften, tiefgreifend warmherzigen und am Ende sehr liebevollen Hommage an einen Mann, den Afrika geprägt, verändert, innerlich ausgebrannt hat.

Der Nobelpreisträger und sein herausragendes Talent, einfachste Sätze zu komplexesten Bauwerken werden zu lassen, wird in "Der Afrikaner" wundervoll erfahrbar. Seine Leidenschaft, seine Quelle der Inspiration, sein feinsinniger Umgang mit Sprache und Sprachbildern, sein unnachahmlicher Stil werden in diesem kleinen Stück Literatur deutlich.
Dieses Buch ist reinste Poesie. So wie der achtjährige Le Clézio Afrika erlebte, den Vater, die Menschen dort, die überbordende Natur, so wie er Jahrzehnte später die Sicht auf den Vater für sich umschreiben konnte und seinen Frieden mit diesem Mann schließen konnte, möchte man selbst seine Vergangenheit beleuchten können, in Worte kleiden, was einen bewegt hat, bewegt und bewegen wird.

Le Clézio hat mit "Der Afrikaner" ein wundervolles Stück Literatur geschrieben. Dank Michael Krüger kann man es auch in deutscher Sprache hören und teilhaben an dem Versuch, hinter die Fassaden eines Menschenlebens zu blicken.
Ebenso perfekt wie Vortrag und Originaltext ist auch das Layout des Hörbuchs. Neben Informationen über den Autor und den Sprecher finden sich in dem kleinen Booklet auch Bilder von Raoul Le Clézio, dem Vater des Autors, und ein kleiner Text von Nina Lekander über Le Clézio.

Stefan Erlemann



CD | CD-Anzahl: 3 | Erschienen: 01. November 2008 | ISBN: 9783867174138 | Laufzeit: 186 Minuten | Originaltitel: L`Africain | Preis: 19,95 Euro

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