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 19 Minuten


Cover
Gesamt ++++-
Anspruch
Aufmachung
Brutalität
Gefühl
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
Ton
Die amerikanische Autorin Jodi Picoult ist bekannt dafür, Romane zu schreiben, die an die Nieren gehen. Ob sie von Säuglingsmord schreibt, von Kindesentführung oder von einer 13jährigen, die nicht länger als Blut- und Organspenderin für ihre leukämiekranke Schwester herhalten will und deshalb ihre Eltern verklagt (so in ihrem Erfolgsbuch "Beim Leben meiner Schwester") - Jodi Picoults Bücher sind brisant. Sie beleuchtet als Autorin Abgründe, in die sonst niemand hineinsehen mag und versucht zu ergründen, was in Menschen in Extremsituationen vorgeht. Das ist alles andere als leichte Lektüre! Ihr jüngstes Werk, "19 Minuten?, ist da keine Ausnahme. Darin setzt sie sich mit der Tat eines jugendlichen Amokschützen an einer amerikanischen Highschool auseinander, dessen blutiger Rachefeldzug in nur neunzehn Minuten zahlreiche Menschen das Leben kostet.

Im Verlauf des Romans erzählt Picoult aus der Sicht mehrerer Betroffener - dem Schützen selbst, seiner Mutter, seiner besten Freundin, deren Mutter, die die vorsitzenden Richterin über den Fall ist, einem Polizisten und dem Anwalt. Durch deren Augen erlebt der Leser - beziehungsweise in diesem Fall der Hörer - die Folgen der Tat. Er begleitet die Figuren auf der Suche nach den Gründen, die zu dieser schrecklichen Tat geführt haben und für die es möglicherweise eine Erklärung, niemals jedoch eine Entschuldigung geben kann. Teils in Rückblenden, teils durch die voranschreitende Romanhandlung versucht Picoult vorsichtig auszuloten, wie die Betroffenen mit den Ereignissen fertig werden - immer getrieben von der Frage, ob - und wenn ja, wie - man die Schreckenstat hätte verhindern können.

Gerade für eine Autorin aus einem Land, das nur allzu schnell bereit war, die Schuld an Amokläufen wie diesem bequem und plakativ auf Horrorfilme im Fernsehen und blutige Video- und PC-Spiele zu schieben, ist es bemerkenswert, mit welchem Facettenreichtum sich Picoult an dieses Thema herangewagt hat. Geradezu europäisch wirkt die Erzählung, mit dem sie auf fiktive, aber deshalb nicht weniger ehrliche und stringente Weise die leider nur allzu realen Highschool-Massaker von Littleton 1999 und Co. aufzuarbeiten, zu durchleuchten versucht. Dabei prangert sie nicht an. Die Suche nach Ursachen, Gründen und nach Schuld gestaltet sich für die Romanfiguren ebenso schwierig und schmerzhaft, wie sie das in der Realität auch sein dürfte. Gerade bei ihrem Amokschützen gelingt ihr die anspruchsvolle Balance zwischen seinen Rollen als Opfer - von seinen Mitschülern wurde er jahrelang auf abscheuliche Weise drangsaliert - und als Täter. Ohne soweit zu gehen, sein Vergehen rechtfertigen zu wollen, baut der Hörer doch einen Bezug zu dem schüchternen, sensiblen Jungen auf, sympathisiert mit ihm, leidet mit ihm.

Vielleicht ist der einzige Vorwurf, dem man dem Roman machen kann, dass die verschiedenen Sichtweisen, die zum Tragen kommen, zu vielzählig sind. Die Handlung springt in hohem Tempo zwischen einem halben Dutzend Perspektiven hin und her. Beim einen oder anderen hätte man gern länger verweilt, wäre man gern tiefer in die überzeugenden Psychogramme eingetaucht, die Jodi Picoult zeichnet. Hört eine Mutter auf, ihren Sohn zu lieben, wenn er etwas Schreckliches getan hat? Und wenn sie das nicht tut, hasst sie sich selbst dafür? Ganz klar, der Reiz von "19 Minuten? liegt nicht etwa in seinem Ausgang - dieser wird ohnehin das Publikum spalten -, sondern vielmehr in der gekonnten Charakterisierung mehrerer Figuren und ihre Sichtweisen.

Gerade in der Hörbuchfassung stößt dieser Wechsel ab und an auf, was in der Gesamtwertung auch einen Stern kostet. Die Idee, die unterschiedlichen Sichtweisen von verschiedenen Sprechern lesen zu lassen, ist zwar eigentlich sehr gut. Die sechs Vorleser erreichen aber nicht alle ein qualitativ einheitliches hohes Niveau. Spätestens ab der zweiten CD hat man sich jedoch in diese Erzählweise eingehört und die Geschichte hält einen gefangen.

Die fast zehnstündige Lesung darf man jedenfalls als solide inszeniert bezeichnen, auch wenn man sich als Zuhörer fragt, ob der Griff zum Buch aufgrund der Intensität der Geschichte nicht vielleicht die bessere Wahl gewesen wäre. Der Hörverlag hat sich bei der Gestaltung der Audiofassung allerdings Mühe gegeben und liefert sowohl zur Romanautorin als auch zu den Sprechern kurze Vitas in den Booklets der einzelnen CDs. Das Preis-Leistungsverhältnis stimmt.

Insgesamt kommt "19 Minuten" zwar nicht an Picoults Bestseller "Beim Leben meiner Schwester" heran. Trotzdem ist es ein mutiges Werk mit Tiefgang, das einem lange im Gedächtnis bleiben wird.

Christian Handel



CD | CD-Anzahl: 8 | Erschienen: 1. März 2008 | ISBN: 9783867172523 | Laufzeit: 586 Minuten | Originaltitel: Nineteen Minutes | Preis: 29,95 Euro

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