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 Der Fliegenpalast


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Gesamt +++--
Anspruch
Aufmachung
Preis - Leistungs - Verhältnis


Der mittelalte Dichter H., Hugo von Hofmannsthal, kehrt an den Ort zurück, an dem er seit seiner Kindheit viele glückliche Tage und Wochen verbracht hat: das Grandhotel in Bad Fusch in Österreich. Doch das, was ihm früher so großartig erschienen ist, macht jetzt den Eindruck eines Hotels dritter Klasse, eines besseren Gasthofes, und selbst in der Umgebung findet er sich nicht mehr zurecht. Unter dem Bett steht ein halbvoller Nachttopf und auf einem der Spaziergänge erleidet er einen Schwindelanfall, der sich als Schlaganfall entpuppt. Dabei lernt er jedoch den jungen Doktor Krakauer kennen, der sich zunächst um ihn kümmert. Diese Begegnung ist für H. noch das Beste an dem ganzen Aufenthalt - ein wunderbarer Zufall.

Ständige Zweifel plagen ihn, ob es richtig war, alleine hierher zu kommen, seinen Freund Carl in Lenzerheide in der Schweiz zu verlassen und seine Familie in Altaussee. Auch mit der Arbeit will es nicht recht klappen, mal ist es der falsche Ort, mal das falsche Wetter oder die anderen Gäste stören ihn, der Wert auf seine Anonymität legt. Einzig würdiger und akzeptabler Gesprächspartner bleibt Krakauer. Zaghaft nimmt er auch einige briefliche Kontakte, etwa zu Alma Mahler, auf.
H. fühlt sich einsam, er fühlt sich nicht gesehen, gleichzeitig vermeidet er den Kontakt mit anderen Gästen und fürchtet, dass ein Bekannter auftauchen könnte; jede Konversation, außer der mit dem jungen Arzt, ist ihm ein Gräuel. Beide fühlen sich als Zurückgekehrte und begegnen sich über Hofmannsthals gleichnamiges Werk.

Walter Kappacher entwirft mit "Der Fliegenpalast" ein vielschichtiges Bild des alternden österreichischen Schriftstellers, Lyrikers und Dramatikers Hugo von Hofmannsthal. Tatsächlich beschreibt er die Zeit fünf Jahre vor dessen Tod; Hofmannsthal starb 1929 an einem Schlaganfall, kurz nachdem einer seiner Söhne sich das Leben nahm.

Überzeugend gelingt es Kappacher, sich in die Zeit des Fin de Siècle einzudenken und die Atmosphäre wiederzugeben, die in Österreich gleich nach dem ersten Weltkrieg herrschte. Man trifft Freunde und Zeitgenossen Hofmannsthals und die teils etwas problematischen Beziehungen werden aufgezeigt. Es ist somit ein interessantes Künstlerporträt, das auch etwas von der Arbeitsweise des Künstlers vermittelt und davon, wie er zum eigenen Werk steht.
Kaum kann man es glauben, dass Hofmannsthal von Thomas Mann als "Prinz", rührend angespannt, hoch lebend und bestrickend bezeichnet wurde, allgemein galt er als sehr weltläufig. Einzig einige Briefkontakte waren ihm möglich, sein Briefwerk von insgesamt 9.500 Briefen gilt als bedeutender Teil seines Schaffens.

Den größten Nutzen aus dieser Erzählung ziehen diejenigen, die das Leben, Werk und Umfeld des großen Dichters kennen. Es sei denn, man möchte die Welt mal aus der Sicht eines leidenden mittelalten Erfolgsautors in der Sinn- und Arbeitskrise erleben. In der Haut des H. erlebt man dessen innere Zerrissenheit, das Unwohlsein, das Leiden am eigenen Dasein und an den Mitmenschen, die nervliche Anspannung. Gleichzeitig bietet sich aber auch Gelegenheit, in die Wiener Moderne zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts einzutauchen.


Sabine Seip



Hardcover | Erschienen: 01. Januar 2009 | ISBN: 9783701715107 | Preis: 17,90 Euro | 176 Seiten | Sprache: Deutsch

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