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 Love, Revolution und wie Kater Haohao nach Hollywood kam

Autoren: Li Dawei
Herausgeber: Anne Rademacher
Illustratoren: Sheng Tao
Übersetzer: Anne Rademacher
Verlag: Knaus

Cover
Gesamt +++++
Anspruch
Brutalität
Gefühl
Humor
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung


Wie viele Studenten seines Alters hat der unter dem Namen des Autors auftretende Ich-Erzähler aus dem Roman "Love, Revolution und wie Kater Haohao nach Hollywood kam" keine großen Perspektiven. Die große Begabung des Kunststudenten liegt auf dem im China Ende der 80er-Jahre offiziell nicht gefragten Cartoonzeichnens. Er zeichnet und druckt selbst ein allenfalls marginal regimekritisches Comicmagazin und verkauft es unter der Hand.
Als er die Studentenführerin Kleine Kim kennen lernt und sich in sie verliebt, ändert sich sein Leben. Kleine Kim möchte ihn in den sich anbahnenden Studentenaufstand hineinziehen, und als am denkwürdigen 4. Juni 1989 die Lage auf dem Platz des Himmlischen Friedens eskaliert und um ihm herum junge Menschen zusammengeschossen werden, verändert sich sein Leben von Grund auf. Dies nicht nur, weil ihm an diesem Tag ein weißer Perserkater namens Haohao zuläuft: Er fliegt wegen seiner Kontakte zu Kleine Kim von der Uni, sein Magazin muss er einstellen, er hat keine Lebensgrundlage mehr und auch keine Familie, die ihn unterstützt, denn diese lebt mittlerweile in Kanada.
Li Dawei entwickelt sich zu einem wahren Lebenskünstler am schmalen Grat zwischen vorgeblicher Regimetreue und Illegalität. Seine Kontakte zu Frauen, die ihn allerdings nie über Kleine Kim hinwegtrösten können - sie ist, wie er hört, nach New York geflohen -, bringen ihm den ein oder anderen Job ein, mit dem er sich und den anspruchsvollen Haohao über Wasser hält. Aber während Li ohne Perspektive vor sich hin lebt, entwickelt Haohao, der im Übrigen sprechen kann, enormen Ehrgeiz: Er möchte nach Hollywood und so berühmt werden wie sein großes Vorbild Garfield.
Es gelingt Haohao, seinen Traum zu verwirklichen und zu einem gefeierten Star in den USA zu werden, dessen Ruhm schließlich über den Pazifik zurück nach China schwappt, wenn auch als eher seichte Welle. Und als Li ihn eines Tages besucht, stellt er fest, dass auch in Amerika keineswegs alles Gold ist, was glänzt, und dass dieser Glanz alles andere als haltbar ist.

So wie der Autor mit seinem Protagonisten durch die Wahl des identischen Namens zu einer Figur verschmilzt, durchzieht den ganzen Roman eine Reihe von Übergängen und Wandlungen, denn nicht nur entpuppt sich Kater Haohao als sprachbegabtes Haustier, das übergangslos zur Comicfigur werden kann, sondern auch Li Dawei selbst verliert sich in nächtlichen und Tagträumen immer wieder in eigenen Comicstrips, bis sich am Ende Wirklichkeit und Cartoonwelt nicht mehr voneinander trennen lassen. Es ist nur folgerichtig, dass der Roman mit etlichen dieser Cartoonszenen illustriert ist.
Während die Frauen um ihn herum, ja, sogar sein Kater immer wieder verzweifelt und mit den unterschiedlichsten Methoden versuchen, entweder innerhalb des Systems aufzusteigen und ihre Träume oder ihre ehrgeizigen Ziele zu verwirklichen, oder, weil sie an eine solche Möglichkeit nicht glauben, emigrieren, stagniert der Protagonist im Grunde. Er hat zwar ständig wechselnde Jobs, die ihn aber nicht weiterbringen und nur seinen Lebensunterhalt sichern. Sein Leben dreht sich im Kreis, und nach seiner Bekanntschaft mit dem "Glamour" in den USA scheint einzig die Cartoonwelt Auswege zu bieten.
Li Dawei, der Autor, der sowohl das von ihm skizzierte China als auch die USA kennt, beschreibt atmosphärisch dicht die Ereignisse um den 4. Juni 1989 und das Überleben in einem maroden diktatorischen System, den raschen Aufstieg mancher darin und den häufig unvermittelt folgenden abgrundtiefen Fall, das verzweifelt-schmerzliche Streben nach einem Glück, von dem die Einzelnen nur eine vage Idee haben, die jedoch wie eine Droge wirkt. Mit viel rabenschwarzem Humor, spannungsgeladen, mitreißend, streckenweise atemlos, dann wieder voll trügerischer Ruhe entführt der Autor seinen Leser in eine befremdliche Welt von rastlosen Getriebenen, in der Freundschaft und Liebe im Grunde nur eine schöne Illusion sind.
Ein außergewöhnlicher Roman, der hoffentlich auch angesichts der Tatsache, dass China im Erscheinungsjahr Gastland der Frankfurter Buchmesse ist, angemessene Beachtung finden wird.

Regina Károlyi



Hardcover | Erschienen: 1. Mai 2009 | ISBN: 9783813503364 | Preis: 19,95 Euro | 320 Seiten | Sprache: Deutsch

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