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 Nicht so tragisch

Autoren: Justine Lévy
Übersetzer: Claudia Steinitz
Verlag: Kunstmann

Cover
Gesamt ++++-
Anspruch
Aufmachung
Gefühl
Preis - Leistungs - Verhältnis


207 Seiten hat das Leben der Protagonistin Louise, die eigentlich zugleich die Autorin Justine Lévy ist, Zeit, um die größten Tiefschläge des Lebens aufzuarbeiten und wie der Phönix aus der Asche aus sich selbst zu erwachsen.

Louise ist nicht nur Tochter eines berühmten Vaters, bei dem sie aufwuchs, nachdem die Mutter sie damals verließ. Sie ist auch ein Stück weit verbunden mit ihrer jüngst verstorbenen Großmutter, um die sie nicht weinen kann, mit der Mutter selbst, bei deren Krebserkrankung sie so wenig helfen kann und mit ihrem Ex-Mann Adrien, den sie nicht loslassen kann.
Louise fühlt sich unzulänglich, permanent und eigentlich immer schon. Als sie die Obhut des Vaters in die Partnerschaft mit Adrien eintauscht, der karrierebetont ist und scheinbar alle Hürden des Lebens mühelos hinter sich lässt, bekommt sie Angst. Angst, ihren geliebten Mann zu verlieren, weil sie nicht gut genug ist, nicht eifrig genug, nicht intellektuell genug, nicht schön genug ...
Die ersten Amphetamine helfen ihr über das Gefühl der Unzulänglichkeit hinweg, doch bald braucht sie mehr davon, fälscht Medikamente und findet sich irgendwann kraftlos in einer Lebensspirale wieder, in der man immer nur das eine gegen das andere tauscht und doch ständig verliert.
Über vier Monate verbringt Louise in einer Klinik, doch nachdem sie den Entzug hinter sich gebracht hat, eröffnet Adrien ihr, dass er sie verlässt - wegen der Freundin seines Vaters.
Genau das, was Louise stets verhindern wollte, tritt ein und als sie allein zurück bleibt, ist da zunächst nicht mehr als eine große Leere, durch die sich Erinnerungen ziehen.

Der Roman, der deutlich und unverhohlen stark autobiographisch gefärbt ist, ist ziemlich umstritten. Manche halten ihn für Schund, andere für gut, die nächsten wissen lediglich den Klatsch und Skandal zu schätzen, den dieses Buch in Frankreich auslöste. Dabei kommt es hier, wie so oft, wohl auf den Blickwinkel an.

Der Anfang des Buches ist anstrengend. Ein ewig langer Satz jagt den nächsten, und gehetzt von vielen gewollten Wiederholungen und Kommata hat der Leser wenig mehr Chancen, als das Buch augenblicklich aus der Hand zu legen oder sich von der Erzählung vereinnahmen zu lassen.
Unbändige Wut, Schuldgefühle, Schuldzuweisungen, nicht erlaubte Trauer, nicht geduldete emotionale Regungen, all das jagt einander und wechselt sich stellenweise noch im gleichen Satz ab.
Doch schon hier vermag man zwischen den Zeilen zu lesen, und je weiter die Handlung - oder besser Erzählung, denn an einer Handlung mitsamt rotem Faden fehlt es doch recht stark - voranschreitet, um so ruhiger wird auch die Sprache des Buches, um so mehr wird die starke Unruhe, die auch der Leser empfindet, zuerst von Betäubung, dann von einer letzten Wut, von Gleichgültigkeit und schließlich von einem Funken Hoffnung, der in der Akzeptanz der Dinge lauert, abgelöst.

Die Autorin durchlebt in diesem Buch und mit ihrer Protagonistin die üblichen Phasen einer Trauer, an deren Ende jedoch, wie man weiß, in der Regel eine Art Neuanfang steht. Es kann schlecht in Abrede gestellt werden, dass Justine Lévy dies in erster Linie zur autobiographischen Verarbeitung nutzt, doch auch, wenn man Buch und Autorin vieles nachsagen kann, so doch nicht, sie könne nicht schreiben.
Sicherlich verletzt sie nicht wenige Regeln des Handwerks und vernachlässigt den bereits erwähnten roten Faden einer Handlung sträflich, doch stattdessen schafft sie etwas, das nicht viele können: Sie erreicht das absolute Gefühl der Identifikation mit dem Leser, wühlt ihn auf und lässt ihn fühlen, wie Louise fühlt. Dies alles erreicht sie auch ohne großartige Szenen, in denen auf die Tränendrüse gedrückt wird und tatsächlich nimmt auch die Zeit des Entzuges selbst nur ein paar wenige Seiten des Buches in Anspruch. Dieses Buch hat es nicht nötig, zu solchen Mitteln zu greifen und muss sich lang nicht hinter anderen Romanen verstecken.

Ein empfehlenswerter, stark autobiographisch durchsetzter Roman, den man lesen kann, weil man einfach mitreden können will. Er empfiehlt sich aber ebenso, um an den starken Emotionen in diesem Buch und einer an sich traurig-tragischen Geschichte, die aber nicht mit den üblichen Mitteln dieses Stils arbeitet, teilzuhaben.

Tanja Elskamp



Hardcover | Erschienen: 01. August 2005 | ISBN: 9783888974007 | Originaltitel: Rien de grave | Preis: 16,90 Euro | 207 Seiten | Sprache: Deutsch

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