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 Last Night on Earth (engl.)

The Zombie Game


Cover
Gesamt +++--
Anspruch
Aufmachung
Glück
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
Spielregel
Strategie
Alle lieben Zombies! Die knuffigen, lebenden Toten mit ihrem unersättlichen Hunger auf Menschenfleisch sind in Sachen Kultfaktor höchstens mit Piraten und Ninjas gleichgestellt. Natürlich haben die Zombies auch bereits ein gleichnamiges Brettspiel – doch ist der Titel mit den drei Ausrufezeichen nichts anderes als eine stumpfe Würfelschlacht. Vorhang auf also für „Last Night on Earth“, denn dieses Spiel ist … na gut, auch nichts anderes als eine stumpfe Würfelschlacht. Aber wesentlich schöner aufgemacht, abwechslungsreicher und vor allem atmosphärischer.

Was bereits auf dem Cover auffällt: „Last Night on Earth“ arbeitet nicht mit Zeichnungen (höchstens mit Überzeichnungen), die Bilder der Schachtel und auf den Karten sind Fotografien von Schauspielern – schon mal ein perfekter Einstieg in die Horrorfilmatmosphäre. Im Spiel treten vier Helden gegen Horden von Zombies an, und jede Seite wird von mindestens einem Spieler gesteuert. Das Ziel einer Partie wird am Anfang durch die Auswahl eines der fünf mitgelieferten Szenarios bestimmt. So müssen die Helden entweder einen Truck volltanken und aus der Stadt fliehen, ein altes Herrenhaus vor den Zombiehorden verteidigen, die Bewohner eines Dorfes retten, die Zombies ausräuchern oder einfach nur möglichst viele von ihnen zurück in die Hölle schicken. Die Zombies dagegen versuchen, möglichst viele Helden zu verknuspern und bis zum Morgengrauen durchzuhalten, was meistens mit dem Überrennen der Stadt gleichgesetzt wird.

Sowohl Zombie- als auch Helden-Spielzug spielen sich dabei denkbar einfach. Zombie-Spieler ziehen ein paar fiese Karten nach, mit denen sie die Helden behindern können, und dürfen dann jeden ihrer Untoten ein Feld bewegen, angreifen und eventuell neue Zombies entstehen lassen. Helden suchen in den Gebäuden der Stadt nach Gegenständen, die sie für das Szenario brauchen oder die ihnen beim Kampf helfen – und vom Baseball-Schläger bis zur Kettensäge ist so ziemlich alles dabei. Dafür können sie entweder ein Haus durchsuchen oder sich bewegen und danach mit Revolvern oder Schrotflinten auf die heranschlurfenden Kannibalen schießen. Der Nahkampf funktioniert auch denkbar einfach: Die Helden würfeln zwei Würfel, der Zombie einen, derjenige mit der höheren Zahl gewinnt. Jedoch sind Zombies recht schwer zu killen und die Menschen halten auch nicht viele Verwundungen aus.

Der Spielablauf ist also denkbar einfach und im Grunde genommen immer gleich: Die Menschen rennen in die Gebäude und suchen fieberhaft nach den Gegenständen, die sie brauchen, während sie sich immer wieder mit den herannahenden Zombiehorden auseinandersetzen müssen. Den Reiz machen dabei aber die zahlreichen Karten und die Helden aus, die die besten Klischees des Horrorfilmgenres in sich vereinen. Es sind alle Stereotypen versammelt, vom geheimnisvollen Fremden über die sexy Krankenschwester und den Priester bis hin zum aufsässigen Teenager. Unter den Karten finden sich Waffen, Glaubenskarten, entbehrliche Nebencharaktere, hoffnungslose Situationen, gefährliche Zombiebisse und sogar das eine oder andere genreübliche Schäferstündchen, das der Zombiespieler einem weiblichen und männlichen Charakter auf demselben Feld auferlegen kann. Die Zitate auf den Spielkarten („Braaaiiiiins!“, „Faith is stronger than zombies my son.“, „Who’s in here? I told you kids to stay outta my barn!“) tun ihr Übriges, um die Horrorfilm-Hommage abzurunden.

Auch wenn Raum für ein bisschen Taktik bleibt, im Endeffekt sehen sich doch beide Seiten des Spiels sehr dem Zufall ausgesetzt. Wenn es etwa gilt, ein paar bestimmte Gegenstände zu finden, dann können diese sich ganz oben im Kartenstapel befinden und die Partie für die Helden zum Kinderspiel machen. Und gegen Würfelpech in entscheidenden Momenten gab es noch nie ein echtes Gegenmittel. Dennoch gingen viele der Testpartien erfreulich knapp aus, wenn auch meistens zu Gunsten der Helden. Aber „Last Night on Earth“ ist ja auch in erster Linie ein thematisches Spiel, da gehört so ein Auf und Ab meistens dazu, macht die Sache auch spannender. Doch trotzdem hat das Spiel einige Spaßbremsen eingebaut. Auf lange Sicht entfaltet der simple Verlauf einer Partie – egal, welches Szenario man gewählt hat – keinen großen Reiz mehr. Hinzu kommt: Selbst im Laufe eines einzigen Spiels kann „Last Night on Earth“ die angegebene Spieldauer von maximal 90 Minuten und damit die Grenze zwischen Lust und Frust spürbar überschreiten. Und wie das bei Spielen mit vielen Karten, die die Regeln brechen, nun mal so ist, ergeben sich dauernd Fragen und Konflikte, die man in der Runde irgendwie selbst lösen muss, weil einem die Regel eine Antwort schuldig bleibt.

„Last Night on Earth“ erinnert an das wahrscheinlich nur Eingeweihten bekannte Horrorspiel „Betrayal at House on the Hill“, ist aber alleine deswegen schon eine ideale Alternative, weil letzteres schon lange nicht mehr im normalen Handel zu finden ist. Die Konstellation der vier Helden gegen Zombies lässt außerdem ein bisschen „Descent“-Feeling aufkommen. Einen Wahnsinnsjob hat der Verlag Flying Frog auf jeden Fall bei der Ausstattung hingelegt. Die Miniaturen der Helden und Zombies sind detailliert, die Grafik ist originell und humorvoll und die Qualität der Karten und Marker ist fast schon obszön hochwertig. Dem Spiel liegen dreimal so viele Würfel bei wie eigentlich benötigt und sogar noch ein eigener Soundtrack, der die Atmosphäre unterstützen soll – die Betonung liegt auf „soll“, denn die Musik klingt mehr nach TV-Melodrama als nach Horrorfilm. Außerdem beinhaltet die Schachtel noch einige Marker, die man mit den aktuellen Szenarien überhaupt nicht benötigt – auf der Flying Frog Website wurden aber bereits neue veröffentlicht.

Wer also „Zombies!!!“ leid ist und ein originelleres Horrorfilmspiel sucht, der ist mit „Last Night on Earth“ ganz gut bedient. Ein Horrorspielknüller wie „Arkham Horror“ oder „Betrayal at House on the Hill“ ist es jedoch nicht. Da der Titel aktuell nur auf Englisch erhältlich ist, sollte man außerdem solide Sprachkenntnisse mitbringen.

Julius Kündiger



Brettspiel | Erschienen: 22. Juli 2008 | Preis: 50 Euro | für 2 - 6 Spieler | Sprache: Englisch

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