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 Herr Adamson

Autoren: Urs Widmer
Verlag: Diogenes

Cover
Gesamt +++++
Anspruch
Aufmachung
Gefühl
Humor
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
Am Donnerstag, dem 21. Mai 2032, feiert Horst, Ich-Erzähler in Urs Widmers Roman "Herr Adamson", im Kreise seiner Familie seinen 94. Geburtstag. Er weiß, dass er am nächsten Tag sterben wird, abgeholt werden wird von Herrn Adamson, einem Toten, seinem "Vorgänger". Denn Horst wurde just in jenem Augenblick geboren, als Herr Adamson einst verstarb, und Herr Adamson wird endgültig vergehen, wenn er Horst ins Totenreich geführt hat.
All das lernt der Leser anhand von Rückblenden kennen. Horst spricht diese Rückblenden, alle mit Herrn Adamson in Verbindung stehenden Lebenserinnerungen, an seinem Todestag auf das Diktiergerät seiner Enkelin Anni. Ihr möchte er seine Erfahrungen vermachen.
Horst hat Herrn Adamson kennen gelernt, als er acht Jahre alt war und, wie sehr häufig, heimlich in einem wunderschönen, etwas verwilderten Blumengarten in der Nachbarschaft Indianer gespielt hat. Es dauert eine Weile, bis der kleine Junge begreift, dass Herr Adamson eigentlich tot ist, welche Bedeutung dieser für sein eigenes Leben haben wird, und dass nur er, Horst, seinen "Vorgänger" Herrn Adamson sehen und hören kann.
Herr Adamson möchte, dass Horst ihm hilft, einen mysteriösen Koffer mit einem Schatz aus einem Abbruchhaus zu bergen und seiner Enkelin Bibi zukommen zu lassen. Die Bergung gelingt, der Kontakt zu Bibi indes bleibt den beiden verwehrt. Ganz spontan überlistet Horst anschließend seinen toten Freund und folgt ihm ins Reich der Toten, wo er allerdings ein wahres Inferno erlebt. Nur mit Mühe gelangt er an die Erdoberfläche zurück.
Danach begegnet Horst Herrn Adamson lange Zeit nicht mehr, er lebt sein Leben und stößt nach Jahrzehnten auf Bibi. Von da an zeigt sich, dass es im Leben keine echten Zufälle gibt.

Abgesehen davon, dass Freitag, der 22. Mai 2032, in Wirklichkeit ein Samstag sein wird, wirkt Widmers Roman trotz der vielen eingestreuten phantastischen Elemente auf erstaunliche Weise realistisch. Selbst die ausführliche, zutiefst unheimliche Szene in der Totenwelt, detailliert ausgeführt und ein wenig an Dantes "Göttliche Komödie" erinnernd, sieht der Leser geradezu vor sich. Der Kontakt zwischen dem Toten Herrn Adamson und dem zunächst achtjährigen Jungen hat wiederum eine verblüffende Leichtigkeit, ist von stillem Humor und Behutsamkeit geprägt, doch kommt es immer wieder auch zu starken Spannungen.
Herr Adamson wirkt auf Horsts gesamtes Leben ein, er möchte unter allen Umständen erreichen, dass seine kleine, vergötterte Enkelin Bibi den von ihm versteckten Schatz erhält, der sie über alle Maßen auszeichnen wird. Hierzu setzt er Horst ziemlich skrupellos ein, der nach Jahrzehnten erkennen muss, dass die stärksten Neigungen und Passionen in seinem Leben nur den Sinn hatten, Herrn Adamsons Wunsch doch noch zu erfüllen.
Und so, wie Bibi nach weit über siebzig Jahren den Liebesbeweis ihres Großvaters begreift, möchte auch Horst durch seine Aufzeichnungen Anni, seiner eigenen Enkelin, seine Liebe vermitteln, ihre Einzigartigkeit herausstellen, ihr etwas Besonderes für den Rest ihres Lebens schenken.
Liebe und Tod klassische Romanthemen, die auch Urs Widmer nicht zum ersten Mal aufgreift, hier aber auf ungewöhnliche Weise miteinander verflicht. Für den Autor typisch sind die ineinander verlaufenden, verwischenden Grenzen aus Wirklichkeit und Phantastik, sein Bilderreichtum, seine tiefgründigen, in Humor verpackten Aussagen über das Leben: Ist es wirklich so wichtig, wenn der Dinosaurierknochen, den man entdeckt hat, später halbwegs sicher als Kuhknochen identifiziert wird? Hauptsache, er erfüllt als Dinosaurierknochen seinen Zweck. Und das tut er, jahrzehntelang.
Dann muss auch ein verschenkter Schatz nicht im klassischen Sinne "echt" sein. Er ist das, als das ihn der Beschenkte sieht. Es zählt die Liebe des Schenkenden.
Man darf sicher hoffen, dass Urs Widmer noch weitere Werke verfassen wird. Ein wundervolles Vermächtnis ist "Herr Adamson" dennoch.

Link zum Interview mit Urs Widmer

Regina Károlyi



Hardcover | Erschienen: 25. August 2009 | ISBN: 9783257067187 | Preis: 18,90 Euro | 200 Seiten | Sprache: Deutsch

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