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 Der Kinderdieb

Autoren: Brom
Illustratoren: Brom
Übersetzer: Jakob Schmidt
Verlag: PAN

Cover
Gesamt +++--
Anspruch
Aufmachung
Bildqualität
Brutalität
Gefühl
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
Fast 110 Jahre ist es schon her, seit James Matthew Barrie seinem Peter Pan in einer Geschichte Leben einhauchte. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts schrieb er dann den Roman "Peter and Wendy", welcher seit vielen Jahren als "Peter Pan" bekannt ist. An Aktualität hat die Geschichte in der ganzen Zeit nie verloren. Nun hat der bekannte nordamerikanische Illustrator Brom sich Barries Roman als Vorbild genommen und darauf basierend eine ganz eigene Geschichte entwickelt. Wer Broms künstlerische Arbeit kennt, wird bereits damit rechnen, dass es sich dabei um keine Verniedlichung des Themas handelt, wie es zum Beispiel bei den Disney-Verfilmungen der Fall ist.

Nick wird verfolgt. Verfolgt von den Jungs, die ins Haus seiner Mutter und Großmutter eingezogen sind. Es dauerte nach dem Einzug nicht lange, bis sie sich über Nick - den ruhigen, unauffälligen Einzelgänger - hermachten und an ihm ihre Gewaltbereitschaft auslebten. Sie quälten Nick, indem sie ihm Brandwunden zufügten und schlugen. Um ihren Fäusten und Tritten zu entgehen, weiß er nun nur noch einen Ausweg - er muss abhauen. Wie konnte seine Mutter es nur zulassen, dass Marco und seine Bande in ihr Haus einzogen? Nick fühlt sich von allen verlassen und flieht. Um zu überleben, lässt er eine größere Menge Material aus Marcos Drogenlager mitgehen. Auf seiner Flucht kommt es dann aber doch noch zu einer erneuten Begegnung mit den verhassten Bandenmitgliedern. Und dieses Mal steht Nicks Leben auf dem Spiel!
Genau auf solche Kinder hat Peter es abgesehen. Peter - ein rothaariger Junge, ein angehender Teenager mit Sommersprossen, spitz zulaufenden Ohren und von anmutig schlanker Gestalt. Mal wieder ist er auf der Suche nach Rekruten für seine Kindertruppe auf Avalon. Die Verluste werden in letzter Zeit immer mehr und Nachrücker müssen freiwillig mit Peter durch den Avalon umgebenden Nebel gehen. Was liegt da näher, als sich an hilflose, sich verlassen fühlende Kinder zu wenden, die zudem womöglich noch in Lebensgefahr schweben - wie gerade jetzt Nick? Also los - es gilt diesen Jungen zu retten und ein neues Mitglied für Avalons "Kinderarmee" zu rekrutieren!

"Der Kinderdieb" ist kein gemütliches Buch oder eines, das eine angenehme Stimmung hinterlässt. Vielmehr wird man beim Lesen gleich zu Beginn mit deprimierenden Kinderschicksalen konfrontiert. Zum Beispiel das kleine Mädchen, welches von ihrem Vater immer und immer wieder missbraucht wird oder der fast dem Kindesalter entwachsene Junge, der von jugendlichen Drogenhändlern misshandelt, verprügelt und genötigt wird. Die Stimmung im Buch ist größtenteils düster. Peters eigenes Schicksal steht dem in nichts nach, wird er doch schon als Baby im Wald ausgesetzt. Seine eigene Mutter hofft daraufhin, dass das verfluchte Wechselbalg - als das sie es zu erkennen glaubt - möglichst schnell von wilden Tieren gerissen wird. Aber Peter überlebt und eines Tages verschlägt es ihn auf magische Weise auf die Insel Avalon. Die Dame, die Herrscherin Avalons - das Pendant zu "Der Herrin vom See" aus der klassischen Artussage - fühlt sich bei Peter an ihren sehr jung verstorbenen Sohn erinnert und bindet ihn an sich. Als Avalon schließlich in Gefahr ist, tut Peter alles, um die Dame und Avalon zu retten. Um in ausreichender Anzahl gegen die Avalon bedrohenden "Fleischfresser" anzutreten, braucht Peter immer neue Kinder, die sich für ihn aufopfern und kämpfen. Die verlassenden Kinder aus der Außenwelt sind da genau die Richtigen.

Genau genommen handelt es sich bei diesem Roman um eine Dystopie, angesiedelt auf der Insel Avalon. Mit der Insel und somit auch der magischen Flora und Fauna darauf geht es zu Ende und den wenigen verbleibenden Bewohnern ist jedes Mittel recht, um sich selbst zu retten. Avalon stellt den einzigen Ort auf der Erde dar, auf dem die Magie noch nicht komplett ausgerottet wurde. Wie bei Dystopien charakteristisch, sind die Thematiken auf aktuelle Bereiche übertragbar. Thematisiert werden hier zum Beispiel die Ausrottung und Bedrohung von Arten, die Jugendbandenkriminalität und das Verlorensein von Kindern in unserer Gesellschaft.

Keine der beiden Parteien auf Avalon - weder die der "Fleischfresser" noch die der magischen Wesen - lässt besondere Weitsicht walten. Besonders die zweite Hälfte des Buches, in der es thematisch hauptsächlich um den Kampf der beiden gegnerischen Gruppen geht, bietet überraschend viel Tiefe. Die erste Hälfte des Romans kann da leider nicht mithalten. Die Geschichte kann nicht fesseln, die Beschreibungen sind viel zu erschöpfend. Der Text gleicht einem sehr gut ausgearbeiteten Bild. Die Vermutung liegt nahe, dass der Künstler Brom, der bisher hauptsächlich für seine wundervollen Illustrationen und Bilder bekannt ist, auch in seinem Roman jedes Detail "zeichnet". Beim Lesen genügen Eckpunkte, die Details schmückt jeder Leser selbst aus. Sind diese Details aber alle bereits im Text beschrieben, bleibt kaum Platz für die Fantasie des Lesers und das Lesevergnügen bleibt auf der Strecke. Nachdem alle Personen und Begebenheiten aber ausreichend auf über 300 Seiten beschrieben wurden, lässt diese Eigenart nach und man kann unbeschwert endlich die durchaus spannende Geschichte verfolgen.

Nicht täuschen lassen sollte man sich von dem doch etwas unbeschwerten Eindruck, den das Buch von außen macht. Der Inhalt bietet ein hohes Maß an Brutalität, das Blut fließt durchaus mal in Bächen und die Toten kann man nicht an einer Hand abzählen. Da die Personen einem jedoch bis zu ihrem Ende relativ fremd bleiben, kann man weder mit ihnen noch um sie trauern. Ihr Schicksal ist hart, den Leser trifft dies aber nur bedingt.

Brom ist seit Jahren für seine fantastischen und düsteren Illustrationen bekannt, da verwundert es nicht, dass die Bebilderung aus seiner Hand die Story wunderbar untermalen kann. Jeden Kapitelbeginn ziert eine ganzseitige Schwarzweiß-Zeichnung, die auch immer zum Kapitelinhalt passt. Zudem sind in der Mitte des Buches acht Farbtafeln enthalten, die jeweils einen Charakter Avalons zeigen - ein echter Augenschmaus zum immer wieder Aufblättern! Auch ist die Qualität des Buches hervorzuheben, die Seiten sind sehr glatt, liegen angenehm in der Hand und der Schutzumschlag ist sehr ansprechend gestaltet. Ein insgesamt sehr hochwertiges Produkt.

Eine düstere Neuinterpretation der Peter Pan-Geschichte, die mit ihrer Brutalität und Aktualität erschrecken kann, aber Stoff zum Nachdenken bietet. Die ersten 300 Seiten gilt es dabei durchzuhalten!

Sandra Wiegratz



Hardcover | Erschienen: 15. Februar 2010 | ISBN: 9783426283295 | Originaltitel: The Child Thief | Preis: 16,95 Euro | 664 Seiten | Sprache: Deutsch

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