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 Hure


Cover
Gesamt +++--
Anspruch
Aufmachung
Gefühl
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung


Bücher, in denen Menschen schonungslos von einem Leben berichten, das sich fernab des üblichen Alltags bewegt, haben schon seit längerer Zeit einen festen Leserkreis. Manch ein Buch erlangt größere Bekanntheit, die meisten gehen jedoch in der Masse unter.
Bei Nelly Arcans "Hure" ist eher ersteres der Fall, weshalb das Buch nicht nur in etlichen Sprachen erhältlich ist, nicht nur als Hörbuch vertont wurde, sondern nun auch als 192-seitige Taschenbuchausgabe vorliegt.

Jamie hat von klein auf kein Elternhaus, wie es für eine gesunde Entwicklung wünschenswert wäre. Sie wächst auf dem Land bei einem Ehepaar auf, das man lang schon nicht mehr als solches bezeichnen kann.
Der Vater ist völlig gebunden ist streng katholischen Ansichten und immer muss Jamie sich anhören, dass Glück verachtenswert und sträflich sei.
Die Mutter hingegen lebt aus Jamies Sicht nicht einmal mehr, denn sie spricht nicht, sie zeigt keine Gefühle - vielleicht noch das eine, das sich in der Eifersucht auf die Tochter äußert.
Schon zu Beginn der Pubertät zeigt sich Jamies gestörtes Verhältnis zu sich und ihrem Körper, wobei sie zunächst versucht, sich durch Hungern in ihrem kindlichen Körper zu halten, natürlich vergebens. Später dann behandelt sie ihren Körper wie einen Teil außerhalb von sich und setzt ihr selbstzerstörerisches Verhalten fort, peinigt ihren Körper beispielsweise mit exzessivem Sport und ebensolchem Sonnenbankkonsum.
Jamie geht schließlich in die Stadt, um dort zu studieren und beginnt dort, als Hure zu arbeiten. Sie legt sich den Namen Cynthia zu und arbeitet tags für eine Agentur, wo sie schnell zur Edelhure avanciert, denn schließlich ist sie ja "eine, die studiert".
Hier findet ihr riesengroßer Hass nun ein Ventil und einen Nährboden, und auch die Selbstzerstörungstendenz wird genährt: Sie gibt ihren Körper hin, lässt ihn benutzen. Und Cynthia ist schließlich der Name ihrer Schwester, die im Alter von acht Monaten starb, aber noch immer große Macht über sie hat, denn in ihrer Vorstellung ist es diese Schwester, der aller Erfolg gebührte, alle Liebe, alle Zuneigung ... würde sie noch leben.

Der Job gibt Cynthia alias Jamie, was sie braucht, um existieren zu können:
Anweisungen, eine Richtung, eine Struktur, eine Rückmeldung über ihre Wirkung, ihr Aussehen und ihre Existenz und das schale Gefühl, ein bisschen zu leben, wenn sie ein bisschen fühlt.
Zugleich ist es derselbe Job, der sie zugrunde richtet, der ihr all die Schlechtigkeit des Lebens in geballter Form zeigt und ihre Ansicht nährt, dass das Leben nicht lebenswert sei. Dies wiederum äußert sich in einer Art Todessehnsucht, in der sie sich viel mit dem Gedanken beschäftigt, was wohl wahrscheinlicher ist oder früher eintritt: Der Selbstmord oder ein irrer Freier, der sie eines Tages tötet.

Der Schreibstil der Autorin ist gewöhnungsbedürftig, passt dann aber gut zum Inhalt des Buches. Zum einen zählen die endlos langen Sätze, zum anderen die deutliche, nichts auslassende Sprache dazu. Gerade dadurch bekommt man jedoch ein Gefühl davon, "live" dabei zu sein und kann viel dichter und atemloser miterleben und nachvollziehen, worum es geht. So verworren manchmal der Text erscheint, so verworren ist letztlich auch die Protagonistin in sich, so dass letztlich alles wieder zusammen passt.

Inhaltlich ist das Ganze viel eher Bericht oder eben Autobiographie als ein Roman, doch wer Erotik oder Pornographie erwartet, der wird enttäuscht sein. Zwar wird kein Blatt vor den Mund genommen, aber Szenen mit den Freiern sind ebenso sehr nüchtern oder emotional wie jede andere Szene des Buches.
Noch besser als die Mischung wäre es gewesen, wenn die Autorin das letzte Stückchen Mut auch noch gefunden hätte und sich nicht für ein bisschen Autobiographie und ein bisschen Roman/Bericht entschieden hätte, sondern nur für Ersteres - zumal ohnehin rasch bekannt wurde, dass sie selbst ihre Protagonistin ist.

Insgesamt ein recht gutes Buch, weil es nicht nur einen schonungslosen Inhalt hat, sondern eben diesen in dem scheinbar einzig passenden Ausdruck bringt und von daher den richtigen Schritt hin zur Literatur macht.

Tanja Elskamp



Taschenbuch | Erschienen: 01. Mai 2004 | ISBN: 3423131934 | Preis: 9 Euro | 192 Seiten

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