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 Sieben Jahre

Autoren: Peter Stamm
Verlag: Fischer

Cover
Gesamt +++++
Anspruch
Aufmachung
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
Eine schöne, kluge und erfolgreiche Frau, eine wohlerzogene Tochter, ein schmuckes Eigenheim am See und ein gut laufendes Architekturbüro in München – Alexanders Leben scheint auf den ersten Blick rundum gelungen. Und doch breitet sich beim Leser bereits auf den ersten Seiten von Peter Stamms Roman "Sieben Jahre" ein leichtes Unbehagen aus, das nach und nach Kontur annehmen wird.

Nach und nach rollt sich vor dem Leser die Geschichte des Protagonisten zwischen zwei Frauen ab. Dabei wechselt die Ich-Erzählung fließend die Zeitebenen zwischen der Gegenwart und immer wieder eingeschobenen Rückblicken, in denen der Ich-Erzähler einer gemeinsamen Bekannten des Paares vom Beginn der Beziehung und den allmählichen Verwicklungen berichtet. Damals zu Studienzeiten gab es seine Architektenclique, zu der auch die reizende und begabte Sonja gehörte. Eines Tages hatte sie ihn gefragt, ob er nicht mit ihr einen Ausflug nach Marseille zu ihrer Künstlerfreundin Antje machen wolle. Und er hatte ja gesagt, mit ihr die Cité Radieuse von Le Corbusier besichtigt, den sie für seine pragmatischen Visionen bewundert und den er selbst besserwisserisch findet. Er hatte damals Sonja im Schlaf fotografiert, sie geküsst und wenig später geheiratet.
Aber vorher hatte er noch die Polin Iwona kennen gelernt. Mehr aus Böswilligkeit denn aus Nettigkeit hatten seine Kumpels und er das unattraktive und auch nicht sonderlich geistvolle Mädchen im Englischen Garten aufgelesen. Alexander ist zugleich abgestoßen und fasziniert von dieser reizlosen Frau, die so ganz anders ist als Sonja. Während er bei dieser immer das Gefühl hat besser sein zu müssen als er ist, verkörpert Iwona die Antithese zu dem perfekt designten Leben, das er mit seiner Frau führt. An der Seite der dicklichen, bibelfrommen Putzfrau, die außer kitschigen Fernsehfilmen keine kulturelle Stimulation an sich heranlässt, ist es langweilig, geistlos, bedrückend. Doch er fühlt sich frei – frei von jeglichen Ansprüchen, nicht zuletzt von moralischen. Im Grunde benimmt er sich wie ein richtiges Schwein: Er benutzt die ihm unterwürfig ergeben Iwona, wann immer es ihm beliebt, und er hintergeht die auf ihre Weise ebenfalls duldsame Sonja, immer wieder, ohne Rücksicht auf Verluste.
Doch liegt das Perfide der Geschichte gerade darin, dass sie sich beinahe wie beiläufig ereignet, fast ohne großes Zutun von Alexander, der, so scheint es, einfach nur den Dingen seinen Lauf lässt. Seine Ich-Erzählung zieht Leser tief hinein in den Mahlstrom eines Geschehens, das sich geradezu unausweichlich darstellt, und fast lässt man dem nicht unsympathischen Protagonisten seine Schwäche, seinen Solipsismus, seine Schuld verständnisvoll durchgehen – stünde da nicht die Frage im Raum, mit der ihn seine Bekannte Antje konfrontiert: Ob er es sich nicht ein bisschen einfach mache, es gebe immerhin einen freien Willen…

"Sieben Jahre" lässt den Leser mit einem beklommenen Gefühl zurück, weil es von Liebe handelt, ohne dass darin Liebe vorkommt, wie man sich Liebe gerne denken möchte. Es geht um Liebes- und Lebenslügen. Und diese nehmen einen umso mehr mit, weil Peter Stamms lakonischer Stil ihre Abgründe umso deutlicher als lebensnahe Alltäglichkeit hervortreten lässt.
Wie die Lebenspläne des Architektenpaares scheinen zwar auch die Story und die Charaktere des Romans bisweilen ein wenig wie auf dem Reißbrett entworfen: Sonja, die ehrfurchtsgebietende, aber auch etwas kühle und gehemmte Tochter aus gutem Hause. Und Iwona, die in jeder Hinsicht unattraktive, aber hingebungsvolle polnische Putzfrau. Doch dieser Eindruck hat maßgeblichen Anteil an der Wirkung des Romans.
Unter anderem durch das Weglassen von Anführungszeichen bei der direkten Rede wird der Leser immer wieder daran erinnert, dass es Alexanders Perspektive ist, in der wir die Geschichte präsentiert bekommen. Dass diese von subjektiv gefälligen Projektionen geprägt ist und er sich dabei manches so zurecht erzählt, dass er vor sich selbst noch gut dastehen kann, verwundert da wenig. Und es wirft, wenn auch in drastischer Form, Licht auf manche Selbstvergewisserungsstrategien, welche zu den unschönen Seiten wohl jeder Liebesbeziehung gehören.

Silke Hettich

Probe


Taschenbuch, | Erschienen: 8. Juni 2011 | ISBN: 978-3596173846 | Preis: 9,95 Euro | 297 Seiten | Sprache: Deutsch

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