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 Gebrauchsanweisung für die Welt


Cover
Gesamt +----
Anspruch
Gefühl
Humor
Spannung
Eigentlich sind die Gebrauchsanweisungen vom Piper Verlag Ratgeber von interessanten Persönlichkeiten, die aus den verschiedensten Gründen ein besonderes Verhältnis zu einer Stadt, einer Region oder einem Land haben und die jeweiligen Besonderheiten kurzweilig-informativ vorstellen. Die "Gebrauchsanweisung für die Welt" ist anders.

Andreas Altmann beschreibt sein Verhältnis zum Reisen. Er beschreibt die Glücksmomente, die er erlebt, wenn er in die besuchten Kulturen eintaucht oder interessante Begegnungen mit der Natur erleben darf. Er spricht von den Begegnungen und Bekanntschaften, die einem während des Reisens vergönnt sind, und dem Abschied, der unweigerlich folgt.
Aber mindestens genauso viel, wenn nicht sogar mehr Zeilen widmet Altmann denen, die seine Leidenschaft für das Reisen nicht teilen. Er bemitleidet französische Metroschaffner und Büroangestellte, er kritisiert zu Hause hockende Hartz IV-Empfänger und Pauschaltouristen.

Die "Gebrauchsanweisung für die Welt" ist also nicht nur vom Konzept her anders als die spezifischen Gebrauchsanweisungen, sie ist auch von der Qualität, dem Lesevergnügen, dem Witz und dem inhaltlichen Mehrwert anders. Nämlich wesentlich schlechter.

Bereits das Vorwort ist misslungen. Wieso beginnt Altmann die Gebrauchsanweisung für die Welt, die laut Klappentext eine Liebeserklärung an das Reisen sein soll, mit einem Hauptschulabbrecher, der sein Leben vor dem Fernseher verbringt? Zwar bringt Altmann die Information, dass Reisen nicht teuer sein muss, in seinem Vorwort unter, aber er erwähnt auch, warum er diesen Hauptschulabbrecher gewissermaßen sympathisch findet: "Lieber verduften als zum Trainieren eines öden Berufes anzutreten. Lieber Streuner werden als Büroleiche. So ist mir Martin M. auf kuriose Weise sympathisch. Weil er sich weigert, als Massenartikel zu enden."

Das ist das Hauptproblem des ganzen Buches. Es ist keine Liebeserklärung an das Reisen, es ist eine Kriegserklärung an alle Nicht-Rucksackreisenden. Wenn Altmann vom "Büro-Kabuff" schreibt, und das Leben eines Metroschaffners als abwechslungsloses "in schwarze Löcher fahren" diskreditiert, wenn er Menschen, die ihr Englisch nicht auf Reisen perfektionieren konnten und dennoch Anglizismen wie "Public viewing" verwenden, als Angeber und Großkotze beleidigt, dann ist der Leser entsetzt von der Selbstgefälligkeit, mit der Altmann jeden Lebensentwurf, der anders als der seinige ist, abwertet. Dass es die Welt mit ihren Denkmälern und Städten, die er so gerne besichtigt, gar nicht geben würde, dass er so weite Strecken gar nicht reisen könnte, wenn nicht ein Großteil der Menschen ihr Leben mit der von ihm so verachteten Erwerbsarbeit verbringen würden, das zu erkennen hindert ihn seine arrogante Selbstverliebtheit, der er hier schriftstellerisch zur Schau trägt.

In seinem Gerede von den Vorzügen der Meditation und seinen Berichten, wie er mit fremden Liebesgedichten (beispielsweise von Bertolt Brecht) Frauen in Zügen und anderswo abschleppt, wirkt Altmann wie jemand, der sich einzig deshalb moralisch überlegen fühlt, weil er aus dem üblichen Trott zivilisierter Erwerbsbiografien herausgesprungen ist und nun mit erhobenem Zeigefinger auf alle anderen zeigen kann. Und dann berichtet er stolz, wie er mit dem Satz "Ich bin Arzt" durch Menschenmengen schreitet, um aus der ersten Reihe gaffen zu können.

Altmann behauptet immer wieder, dass Höflichkeit und gute Manieren wichtige Begleiter auf Reisen sind und regt sich über Leute auf, die diese vermissen lassen, nur um wenige Seiten später zu beschreiben, wie man sich am Besten an einer Warteschlange vorbei drängelt, um möglichst schnell an den Ticketschalter zu kommen. Auch scheint Altmann es mit den Regeln der Höflichkeit vereinbaren zu können, Paulo Coelho als "Eso-Esel" und "Sülzeschmied" zu beleidigen, der nie "ein Hirn als Schreibgerät zum Einsatz" gebracht hat.
Die Sprache und die beleidigenden Neologismen, die Altmann verwendet, um Andersdenkende zu beschimpfen, sind eines gedruckten Buches unwürdig.

Es war sicherlich eine gute Idee, eine Gebrauchsanweisung für die Welt herauszugeben, um Menschen zum Reisen in fremde Länder und Kulturen zu animieren. Und es wäre dem Piper Verlag zu wünschen gewesen, dass sich ein fähiger Autor gefunden hätte, dieses Projekt zu verwirklichen.

So ist es ausgesprochen schade, dass der Piper Verlag seine an sich tolle und hilfreiche Reihe der Gebrauchsanweisungen für diesen Einblick in den Kopf eines egozentrischen, selbstverliebten und arroganten Möchtegern-Moralisten hergegeben hat. Die Vorstellung, mit Menschen wie Altmann in einem Hostel zu landen, wird vermutlich mehr Menschen vom Reisen abhalten, als die anderen Gebrauchsanweisungen Menschen zum Reisen animiert haben.

Das Vorwort sowie das erste Kapitel gibt es als Leseprobe auf der Verlagsseite.

Sebastian Langer



Taschenbuch, | Erschienen: 17. September 2012 | ISBN: 9783492276085 | Preis: 14,99 Euro | 224 Seiten | Sprache: Deutsch

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