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 Zuckerleben


Cover
Gesamt +++++
Anspruch
Aufmachung
Gefühl
Humor
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
Italien im Jahr 2011, mitten in der Eurokrise: Der Moldawier Tolyan Andreewitsch überfährt mit seinem Ford Transit beinahe ein junges Liebespaar, das sich in der Dunkelheit auf die Straße gelegt hat, um gemeinsam Selbstmord zu begehen. Gerade noch rechtzeitig kann Andreewitsch dies verhindern und mehr als nur leicht derangiert wird die Reise zu dritt fortgesetzt. In dem Hotel, in dem das ungleiche Trio für die Nacht einkehrt und in dem sich äußerst seltsame Dinge zutragen, erzählt der Moldawier den beiden lebensmüden Teenagern, die gerade ihren Job in einer Zuckerfabrik verloren haben, was er selbst vor zwei Jahrzehnten erlebt hat.

1991, die nordmoldawische Stadt Donduşeni: Der Zerfall der Sowjetunion ist in vollem Gange, die Bevölkerung kämpft sich äußerst erfindungsreich durch den von der Krise bestimmen Alltag. Ohne jede Ankündigung schließt die örtliche Zuckerfabrik und lässt zahlreiche Menschen ohne Arbeit zurück. Zuckerfabrik-Direktor Hlebnik ist spurlos verschwunden - und mit ihm kostbare vierzig Tonnen Zucker. Der junge Spekulant Pitirim Tutunaru ist fest entschlossen, den verschollenen Zucker zu finden und zu Schnaps weiterzuverarbeiten. Mit dem Erlös will er nach Italien auswandern, wo ein sorgenfreies Leben fernab der Krise winkt. Ihm schließt sich der desillusionierte Rentner Ilytsch an, der als einziger profunde Kenntnisse im Schnapsbrennen besitzt. Doch der zuckersüße Traum von Italien geht nicht so einfach vonstatten wie gedacht ...

Mit "Zuckerleben" ist dem 1982 geborenen Autor Pyotr Magnus Nedov ein außergewöhnlicher, schwarzhumoriger und äußerst lesenswerter Debütroman gelungen, der zwar nicht leicht zu lesen ist, der aber alle Leser, die am Ball bleiben, mit einer wahnwitzigen und klugen Geschichte voller rasanter Wendungen belohnt. Geschickt wechselt der Autor zwischen den beiden Erzählebenen, die zwar 20 Jahre und viele Kilometer auseinanderliegen, die aber durch die beiden Krisen in gewisser Weise geeint sind und die am Ende elegant zusammengeführt werden.
Vor allem der beherrschende Part der Geschichte, der Anfang der 1990er Jahre in Moldawien spielt, ist extrem reizvoll, schließlich gehört der südosteuropäische Binnenstaat nicht unbedingt zu den Schauplätzen, die häufig in Romanen vorkommen. Allein schon deshalb lohnt sich die Lektüre - Nedov dürfte den meisten Lesern hier eine völlig neue Welt eröffnen, die man mit Staunen und manchmal auch mit Ratlosigkeit erkundet (es sei denn, man hat tiefere Kenntnisse von Geschichte und Kultur der Sowjetunion und kann sich beispielsweise auf die oft erwähnte "Doktorenwurst" direkt einen Reim machen). Ohne Rücksicht auf die Befindlichkeiten aller, die nicht so versiert in diesem Thema sind, haut Nedov dem Leser eine Flut von kulturellen und historischen Eigen- und Besonderheiten um die Ohren, so dass nahezu auf jeder Seite etwas Neues, Nachdenkenswertes zu entdecken ist. "Zuckerleben" ist zudem bevölkert von haufenweise schrägen Charakteren, die einfach Spaß machen und die geradezu nach einer Verfilmung als Roadmovie schreien. Aus jeder Zeile sprechen beißende Ironie und eine Lebenserfahrung, die für einen so jungen Autor erstaunlich wirkt. Liest man allerdings die bisherigen Stationen in Nedovs Leben - er wuchs auf in Moldawien, Rumänien und Österreich, studierte und promovierte in Wien, Paris, Moskau, Montreal und Köln, wo er derzeit lebt, ist man nicht mehr überrascht.

Ein großartiges Debüt, das frischen Wind ins Bücherjahr 2013 bringt! "Zuckerleben" ist ein wilder, respektlos erzählter und immer wieder überraschender Trip durch das krisengeschüttelte Moldawien, der schließlich im beinahe gleichermaßen krisengeschüttelten Italien endet. Ein klug geschriebenes Debüt voller Witz und schräger Ereignisse, das zu Beginn nicht unbedingt leicht zugänglich ist, das aber umso packender und komischer wird, je weiter man in die Geschichte hineingesogen wird.

Eine Leseprobe gibt es hier auf der Verlags-Website: Zuckerleben

Christina Liebeck



Hardcover | Erschienen: 25. Februar 2013 | ISBN: 978-3832197025 | Preis: 19,99 Euro | 368 Seiten | Sprache: Deutsch

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