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 Kleine Geschichte der Finanzkrisen

Spekulation und Crash von 1637 bis heute


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Gesamt ++++-
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Preis - Leistungs - Verhältnis
Wohl noch jeder erinnert sich an die jüngste weltweite Finanzkrise: Im Jahre 2008 löste die Insolvenz des Finanzinstituts "Lehman Brothers" eine derartige Panik aus, dass das weltweite Bankensystem kurz vor dem Abgrund stand. Das Erstaunlich daran ist, dass die Investmentbank "Lehman Brothers" damals keineswegs das größte Finanzinstitut war. Dennoch führte die Pleite aufgrund der Komplexität des Finanzsystems dazu, dass wir "Zeugen der schlimmsten Finanzkrise der Geschichte" (Ben Bernanke, Direktor der US-Zentralbank) waren.

Aus dieser Einschätzung wird nicht nur die ungeheure Dimension der Finanzkrise des Jahres 2008 deutlich. Erkennbar wird auch, dass Finanzkrisen nicht nur ein Phänomen der Gegenwart sind, sondern Vorläufer in der Vergangenheit haben. Es erscheint daher nur folgerichtig, dass Christian Chavagneux, der Chefredakteur der Zeitschrift "L`Èconomie politique", einen Blick in diese Geschichte der Finanzkrisen wagt.

Als Ausgangspunkt wählt er dabei die sogenannte "Tulpenspekulation", welche im 17. Jahrhundert in den Niederlanden ihr Unwesen trieb. Es folgt dann eine biografische Annäherung an John Law, einem windigen Finanzjongleur, der zu Beginn des 18. Jahrhunderts Frankreichs Finanzsystem in den Abgrund trieb. Neueren Datums sind dagegen die Krisen von 1907 und jene von 1929, die bis zum Jahre 2008 wohl die bekannteste Finanzkrise war. Anders als der Titel es vermuten lässt, folgen nach diesem geschichtlichen Abriss, welcher ungefähr die Hälfte des Buches einnimmt, drei weitere Kapitel. Während Chavagneux in ersterem ("Was ist eine Finanzkrise?") die Erkenntnisse aus den vier dargelegten Finanzkrisen synthetisiert, was schlussendlich in ein Krisenschema mündet, unterbreitet er im vorletzten Kapitel ("Zeit der Regulierung") Vorschläge und Maßnahmen, mit denen Finanzkrisen in Zukunft vermieden werden können. Abgeschlossen wird der Band dann durch ein kurzes Fazit, welches mit dem Titel "Lehren aus der größten Finanzkrise der Geschichte" umschrieben wurde.

Es ist schon verblüffend, welche Gemeinsamkeiten Christian Chavagneux zwischen den einzelnen Finanzkrisen trotz einer Zeitspanne von knapp 300 Jahren zutage fördert, sodass man sich fragt, wieso die Menschheit bisher noch nichts daraus gelernt hat. Hoffnung schöpft der Leser vor allem beim Kapitel "Zeit der Regulierung", in dem Chavagneux konkrete Vorschläge und Maßnahmen unterbreitet, wie zukünftig Finanzkrisen entgegengewirkt werden kann. Doch schnell wird dem Leser klar: Auch wenn bereits einige dieser Maßnahmen nach der jüngsten Krise forciert wurden, manche Maßnahme lassen sich schlussendlich nicht in die Praxis umsetzen, solange das Prinzip der Gewinnmaximierung oberstes Gebot bleibt.
Gerade in diesem Kapitel wird auch deutlich, dass Chavagneux nicht nur eine geschichtliche Aufarbeitung des Phänomens "Finanzkrisen" anstrebt. Nein, er möchte auch seine Sicht der Dinge pointiert zur Sprache bringen:

"Die Klarheit, mit der die Regulierer der 1980er-Jahre den Aufstieg der Finanzinnovationen kommen sahen, ist beeindruckend; (...) Das zeigt, dass die Finanzregulierer sehr wohl über die Mittel und technischen Kenntnisse verfügen, um Risiken auf den Finanzmärkten zu erkennen. Sie müssen nur wollen."

Über weite Strecken sind die Forderungen und Lösungsvorschläge des Autors jedoch "sehr" oder sollte man besser sagen "zu" idealistisch. Denn er betont selbst immer wieder, dass es bereits nach 1929 unter dem US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt eine Zeit der Regulierung gab, was zwar in der Folgezeit zu einer Phase der Beruhigung führte. Letztlich bot dies jedoch keinen Schutz davor, dass im Jahre 2008 erneut das weltweite Finanzsystem ins Wanken geriet. Dies zeigt, dass derartige Maßnahmen nur einen zeitlich begrenzten Schutz bieten können.

Deutlich sachlicher geht Chavagneux im ersten Teil des Buches vor, in dem er die Geschichte der Finanzkrisen episodenhaft darlegt. Hier zeigt sich, dass er ein geistreicher Kenner der Materie ist. Immer wieder deckt er dabei die grundlegenden Mechanismen der Finanzwelt auf und dringt in die Komplexität dieses Systems vor. Über weite Strecken lässt sich das alles sehr gut nachvollziehen. Lediglich die Tatsache, dass manche Fachbegriffe wie "Staatsobligationen" oder "Emittent" nicht hinreichend erläutert werden, erschwert dies bisweilen. Hinzu kommt, dass es kein Glossar oder ein entsprechendes Sachwortregister gibt.

Dennoch bleibt festzuhalten: ein kenntnisreiches Buch, welches einen faszinierenden und zugleich erschreckenden Einblick in die Absurditäten der Finanzwelt liefert.

Weitere Informationen zum Buch sowie eine Leseprobe finden sich auf der Webseite des Verlags

Matthias Jakob Schmid



Taschenbuch, | Erschienen: 18. Juni 2013 | ISBN: 978-3858695376 | Originaltitel: Une brève histoire des crises financières | Preis: 29,90 Euro | 272 Seiten | Sprache: Deutsch

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