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 Mit zwanzig hat man kein Kleid für eine Beerdigung


Cover
Gesamt ++++-
Anspruch
Aufmachung
Brutalität
Gefühl
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
Auf der Beerdigung ihres engsten Freundes Alfredo begegnet Beatrice ihrer Freundin, die ein offensichtlich geliehenes, viel zu weites schwarzes Kleid trägt. Mit zwanzig hat man kein Kleid für eine Beerdigung.
In "La Fortezza", der Armensiedlung am Rand einer nicht näher bezeichneten italienischen Großstadt, vermutlich Rom, sieht das etwas anders aus: Dort ist die Lebenserwartung eher gering, die Gewaltbereitschaft hoch, Alkohol und auch Drogen spielen eine nicht unerhebliche Rolle im Leben vieler dort lebender Menschen.
Ich-Erzählerin Beatrice lernt den etwa gleichaltrigen Alfredo kurz nach dessen Einzug in das Hochhaus kennen, in dem sie mit Eltern und Bruder wohnt: Er wurde von seinem Vater, einem Trinker, zusammengeschlagen und im Treppenhaus zurückgelassen. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass es Alfredo und seinen beiden Brüdern so ergeht. Die Mutter ist schon lange tot.
Künftig nimmt Beatrices Mutter Alfredo fast wie einen Sohn an, er wird zu einem selbstverständlichen Teil der Familie, und Beatrice und Alfredo gelten in der Siedlung nur noch als die "Zwillinge". Sie "ticken" ähnlich, und vielleicht deshalb geraten sie so oft massiv in Streit. Doch sie brauchen einander.
Das Blatt wendet sich, als Beatrice allein einen Traum ihrer Familie umsetzt, den Traum vom Urlaub am Meer - dank einer kirchlichen Organisation kann sie einige Zeit dort verbringen. Bei ihrer Rückkehr stellt sie fest, dass Alfredo ihr offensichtlich entglitten ist. Er hat eine Freundin. Und von da an ist nichts mehr, wie es war.

Valentina d'Urbano erzählt im Grunde von ihrer eigenen Welt; sie selbst stammt aus einer ähnlichen Siedlung wie "La Fortezza", vor der sogar die Polizei zurückscheut. Ihre Protagonistin besucht zu Beginn des Romans Alfredos Beerdigung und zieht eine Bilanz seines und damit letztlich auch ihres rund zwanzigjährigen Lebens: Denn dieses hat sich letzten Endes immer um Alfredo gedreht, sie haben einander gestützt und zugleich behindert.
Es schließt sich eine lange Rückblende an, in der die Ich-Erzählerin in knappem, schmucklosem Stil diese gut zwölfjährige gemeinsame Geschichte Revue passieren lässt und sie zugleich auch aufzuarbeiten beginnt. Eine Art Epilog schließlich entführt ein Stück weit in die Zukunft und zeigt auf, wie Alfredo in Beatrice weiterlebt.
Gerade der nüchterne Stil, sprachlich korrekt, doch ohne Schnörkel - nur die Dialoge enthalten Umgangssprachliches -, erzeugt eine dichte, düstere Atmosphäre, die nur kurzzeitig entschwindet, während Beatrice den ersten Urlaub ihres Lebens am Meer verbringt und vorübergehend von La Fortezza und Alfredo loskommt. Die Charaktere sind perfekt in ihre Welt eingepasst, eigentlich nicht einmal sehr sympathisch, ob es sich nun um die sich selbst indirekt charakterisierende Ich-Erzählerin oder ihre Sicht auf ihre Mitmenschen handelt. Doch der Leser erspürt sehr genau, woher ihre groben, scharfen Kanten kommen, mit denen sie andere und sich selbst ständig verletzen, und leidet mit ihnen und der Unfähigkeit, sich aus unglücklichen Bindungen und vor allem aus dem Ghetto zu lösen, das ihnen alle Chancen auf eine akzeptable Zukunft nimmt. Es gibt immer wieder Hoffnungsfetzen in diesem Roman, Lichtblicke, es gibt Zuneigung und Liebe bis zur Aufopferung, manchmal auch ohne Berechnung, doch fast immer zerschlagen sie sich: durch äußere Umstände oder die Unfähigkeit der Menschen, damit umzugehen.
Kein schöner, aber ein sehr eindringlicher Roman, der sehr tief in eine Gesellschaftsschicht vorstößt, die von anderen tunlichst gemieden wird; Sozialkritik ohne erhobenen Zeigefinger; eine schmerzliche, triste Liebesgeschichte, die den Leser auch über das Ende des Buchs hinaus nicht loslässt.

Eine Leseprobe bietet die Verlagsseite zum Buch an.

Regina Károlyi



Taschenbuch | Erschienen: 1. Februar 2014 | ISBN: 9783423249997 | Originaltitel: Il rumore dei tuoi passi | Preis: 14,90 Euro | 275 Seiten | Sprache: Deutsch

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