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 Katzentisch


Cover
Gesamt ++++-
Anspruch
Aufmachung
Brutalität
Gefühl
Humor
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Dies gilt sicherlich für den elfjährigen Michael, der seine bisherige Heimat Sri Lanka verlässt, um seiner Mutter nach England zu folgen, die dort bereits seit einigen Jahren lebt. Für Michael ist die lange Schiffsreise die Geschichte spielt in den frühen 1950er-Jahren ein großes Abenteuer, zumal er bis auf zwei entfernte Verwandte auf dem Schiff niemanden kennt.
Zusammen mit einer bunt gemischten Gruppe Menschen ist er am "Katzentisch" platziert, also dort, wo die wenig einflussreichen und begüterten Passagiere sitzen. Er findet dort zwei etwa gleichaltrige Freunde, Cassius und Ramadhin, mit denen er den geheimnisvollen kleinen Kosmos erobert, den das Schiff darstellt. Heimlich bedienen sie sich beim Frühstück der ersten Klasse, klauen die Schokoladen-Notrationen aus den Rettungsbooten und beobachten die nächtlichen bewachten Deckrunden eines mitreisenden Strafgefangenen. Die Jungen lernen erstaunliche Leute kennen einen Schiffsabwracker, einen geheimnisvollen Seher, einen diebischen Baron, einen von einem Fluch heimgesuchten Millionär, einen Botaniker, der einen ganzen botanischen Garten mit sich führt, eine alte Jungfer, die sich mit Krimis und Tauben beschäftigt und vielleicht eine Agentin ist, und etliche mehr. Am Ende der Reise steht das Wiedersehen mit der Mutter, ersehnt und gefürchtet zugleich.

Michael Ondaatje, Autor des verfilmten Bestsellers "Der englische Patient", lässt in "Katzentisch" einen Protagonisten auftreten, der eine neue Umwelt mit dem Interesse und der Unvoreingenommenheit eines Kindes erobert; eine Umwelt, die auf den Leser nostalgisch wirkt, ohne dass je die Grenze zum Kitsch überschritten wird. Ondaatje, der selbst als Kind eine solche Seereise antrat, weiß die Route, die Abläufe und die Menschen auf dem Schiff sehr authentisch zu schildern, weist jedoch darauf hin, dass die Handlung erfunden sei.
Ganz ausgezeichnet entwirft der Autor die Charaktere, die sich mit ihren komplexen Geheimnissen und Beziehungen untereinander dem Elfjährigen nur allmählich erschließen: oftmals allein durch Rückblenden, die der erwachsene Ich-Erzähler aus einer übergeordneten Perspektive recht häufig vornimmt. Manche Verknüpfungen zwischen etlichen Angehörigen des Katzentischs und weiterer Gruppierungen, die sowohl das Kind als auch den späteren Erwachsenen verwirrten, zeigen sich erst am Ende des Buchs. Was das Kind mit seinen feinen Sinnen nur als subtile Strömung erahnt, offenbart sich schließlich als Liebe oder auch Hass von bisweilen mörderischer Gewalt. Beinahe ergibt sich so der Charakter eines Kriminalromans.
Es ist die Vielzahl an Rückblenden beziehungsweise Zeitsprüngen aus verschiedenen Ebenen und an unterschiedlichste Orte, die diesem Roman zusammen mit der üppigen Zahl an Charakteren einiges an Übersichtlichkeit raubt. Zum Beispiel übernimmt die Schwester des bereits erwähnten Mitreisenden Ramadhin im Lauf des Buchs eine wichtige Rolle, obwohl sie gar nicht mitgereist ist und auf dem Schiff auch nicht indirekt präsent ist. Es gibt vielleicht einige Verwicklungen und bunte Persönlichkeiten zu viel auf dem Schiff und im weiteren Leben des Protagonisten; diese Opulenz hätte durchaus für einen doppelt so "dicken" Roman genügt.
So erweist sich die Lektüre zwar als tiefgründig und vielschichtig, die Geschichte ist spannend erzählt und geschickt konstruiert, dennoch bleibt die Unterhaltung, die doch wesentlich zu einem belletristischen Werk gehört, insofern ein Stück weit auf der Strecke, als sich der Leser stets bemühen muss, den roten Faden nicht zu verlieren oder wieder zu finden. Hat er gut aufgepasst, hält er am Ende ein echtes Drama in Händen, das sich in dieser Form lange nicht angedeutet hat und den Leser berührt.

Regina Károlyi



Taschenbuch | Erschienen: 1. Januar 2014 | ISBN: 9783423142861 | Originaltitel: The Cat's Table | Preis: 9,90 Euro | 301 Seiten | Sprache: Deutsch

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