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 Die Baumwollpflücker

Autoren: B. Traven
Verlag: Diogenes

Cover
Gesamt +++++
Anspruch
Aufmachung
Gefühl
Humor
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
Im Mexiko der 1920er-Jahre schlägt sich der Immigrant Gales mehr schlecht als recht mit Gelegenheitsarbeiten durch: während der Saison als Baumwollpflücker, anschließend aushilfsweise als Öldriller, später als Gehilfe in einer Bäckerei und schließlich als Cowboy bei einem großen Viehtransport. Obwohl ihn die meisten seiner weißen Arbeitgeber wegen seiner der ihren entsprechenden Hautfarbe überdurchschnittlich gut behandeln, reicht der Lohn für ihn und erst recht für seine Kollegen kaum zum nackten Überleben - wenn er überhaupt ausbezahlt wird. Denn die Unternehmer nutzen jede Möglichkeit, um die Arbeitskraft der Armen und Abhängigen möglichst kostengünstig zu erwerben.

Als der "Gringo" Gales nach langer Zugfahrt in einem kleinen, armseligen mexikanischen Städtchen ankommt, zeigt sich, dass die wenigen ebenfalls dort ausgestiegenen Mitreisenden, unter denen er der einzige Weiße ist, dasselbe Ziel haben wie er: eine etliche Fußmärsche entfernte Farm. Dort wollen die Männer die Saison hindurch Baumwolle pflücken, für einen erbärmlichen Lohn, der kaum die Lebensmittelkosten abdeckt.

Während dieser Beschäftigung und auch mehrmals danach wird Gales erfahren, dass die Arbeitgeber die Not der ungelernten Arbeiter und nicht zuletzt einer verelendeten Landbevölkerung intensiv ausnutzen. Zwar hat die mexikanische Revolution erste Früchte gezeitigt, doch vor allem auf dem Land sind die einfachen Menschen noch der Willkür von Farmern ausgeliefert. In der Episode von Gales' Arbeit als Bäckergehilfe zeigt sich jedoch, dass sich vor allem in den Städten einiges getan hat. Streiks sind an der Tagesordnung und praktisch immer erfolgreich. Und es gibt auch von Natur aus faire Arbeitsverhältnisse. So verdient Gales als Aushilfs-Öldriller bei guten Arbeitsbedingungen sehr ordentlich, und seine Anstellung als Cowboy für einen Viehtransport wird durch einen Kontrakt besiegelt, der ihm nicht nur ein gutes Gehalt, sondern auch eine beachtliche Erfolgs-, allerdings auch eine Risikobeteiligung zuspricht. Hier kann sich Gales entfalten und tut es auch.

B. Traven, dessen Identität und Biografie bis heute Fragen aufwerfen, ist durch seine kapitalismuskritischen Werke relativ bekannt, vor allem "Das Totenschiff". Wie dort zeigt Traven in "Die Baumwollpflücker" die skrupellose Ausbeutung der mexikanischen Wanderarbeiter jeglicher Hautfarbe auf, doch er schildert auch ideale Bedingungen wie etwa die erwähnte Anstellung als Cowboy. Nicht ohne Augenzwinkern flicht er in diese Episode eine sympathische kleine Szene ein, in der ein Trupp Räuber - einen davon kennt er aus seiner Baumwollpflückerzeit - ihren Anteil von dem gewaltigen Viehtransport ergattern möchte und sich dabei zu regelrecht "fairen" Verhandlungen bereit erklärt, sodass letztlich etwas wie eine so genannte Win-Win-Situation entsteht.

Überhaupt fasziniert an diesem Werk der zu allen wesentlichen Szenen beigesteuerte Schuss Humor, der keineswegs die beschriebenen alptraumhaften Zustände im Umfeld der hungernden einfachen Arbeiter verharmlost. Traven mag es unkonventionell und schildert unter anderem, wie die Prostitution in den mexikanischen Städten zu seiner Zeit organisiert ist: wiederum so, dass für Freudenmädchen, Auftraggeber und Staat jeweils das Optimum an Verdienst, angebotener Dienstleistung und Abgaben beziehungsweise sozialem Frieden herausspringt. Die Einzelheiten der Abläufe berichtet Traven wieder so amüsant, dass der Leser ein Schmunzeln nicht unterdrücken kann (und mag). Auch die vielfältigen sozialen Kontakte zwischen Gales und seinen Kollegen und Chefs werden mit Witz und Charme, dabei jedoch auch einigem Tiefgang präsentiert.

Zugleich vermag es der Autor, sehr fesselnd zu erzählen. Sein Stil hat etwas angenehm Einfaches, Eingängiges, ohne langweilig oder gar primitiv zu wirken. Das Buch verortet sich irgendwo zwischen einem sozial- beziehungsweise systemkritischen und einem Abenteuerroman und bietet abwechslungsreiche und für die meisten heutigen Leser wohl ungewohnte Lektüre. Es wirkt ein wenig wie eine Zeitreise und erscheint zugleich in Bezug auf die Kapitalismuskritik aktuell wie bei seiner Entstehung vor rund neunzig Jahren - wenn man zum Beispiel an die Textilfabriken in Bangladesch oder die Arbeit auf Palmölplantagen in diversen Ländern denkt. Zugleich bietet der Roman beste Unterhaltung.

Regina Károlyi



Taschenbuch | Erschienen: 27. Januar 2016 | ISBN: 9783257210996 | Preis: 12,00 Euro | 221 Seiten | Sprache: Deutsch

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