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 Arbeiter in Malerei und Fotografie des 19. Jahrhunderts

Deutschland, Großbritannien, USA


Cover
Gesamt +++++
Anspruch
Aufmachung
Bildqualität
Preis - Leistungs - Verhältnis
Mit der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert rückte der Typus des Arbeiters zunehmend in den Fokus der Kunst. War dieser zunächst in Gemälden jener Zeit zu sehen, wurde er gegen Ende des Jahrhunderts zum Gegenstand der neu aufkommenden (sozial-)dokumentarischen Fotografie. Beide künstlerische Ausprägungen sind Teil der vorliegenden Studie, welche die bildliche Darstellung sozialer Wirklichkeit als Ausdruck nationaler Identität betrachtet. Dies bedeutet, dass Sabine Friese-Oertmann hier insbesondere der Frage nachgeht, welche nationalen Unterschiede im künstlerischen Umgang mit dem Arbeitermilieu vorzufinden sind. Sie konzentriert sich dabei vor allem auf Deutschland, Großbritannien und die USA und arbeitet heraus, welche Arbeitssituationen dargestellt werden, wie die Künstler auf Urbanisierung und zunehmende Verelendung reagierten, welche Beweggründe eine Beschäftigung mit diesem Thema hervorriefen beziehungsweise welche Perspektiven die Künstler einnahmen.

Publikationen, die auf Dissertationen beruhen, haftet manchmal ein wenig akademische Sprödigkeit an. Nicht so in diesem sehr gelungenen Band, welcher mit kunsthistorischem Sachverstand die Bildnisse von Arbeitern im 19. Jahrhundert untersucht - wobei "untersucht" eigentlich gar nicht so recht passt, da Sabine Friese-Oertmann in der hier vorliegenden Fassung eben sehr viel Wert auf eine griffig zu lesende Darstellung legt. Hinzu kommt, dass sie auf längere theoretische Ergüsse verzichtet und stattdessen die Kunstwerke selbst sprechen lässt beziehungsweise mit deren klaren Erschließung zum Sprechen bringt. Keine Selbstverständlichkeit ist hierbei, dass die angesprochenen Kunstwerke in Gänze auch als Abbildung in dem Band zu finden sind. Auch wenn es sich ausschließlich um Schwarz-Weiß-Abbildungen handelt, kann sich der Leser so selbst einen Eindruck von der Entwicklung des Sujets verschaffen beziehungsweise die Ausführungen an den Kunstwerken nachvollziehen. Wenn Aspekte wie die Farbintensität oder Lichteffekte bei den Gemälden direkt angesprochen werden, sind hier allerdings abbildungstechnische Grenzen gesetzt. Bei den Fotografien, welche ohnehin nur in schwarz-weiß vorliegen, ergeben sich derartige Probleme jedoch nicht.

Ihre Darlegung gründet die Autorin auf sinnigen Fragen, welche die Studie vorantreiben und immer wieder sehr interessante Aspekte eröffnen, beispielsweise die Frage nach den Vorstellungen des jeweiligen Auftraggebers. Zur Beantwortung zieht die Autorin Selbstzeugnisse der Künstler oder anderer Personen aus deren Umfeld heran. Auch vergisst sie nicht, die persönlichen und historischen Umstände in ihre Überlegungen miteinzubeziehen. So erfährt der Leser beispielsweise, dass der Anfang des 20. Jahrhunderts in New York tätige Fotograf Lewis Hine á la Team Wallraff inkognito in zahlreichen Fabriken fotografisches Beweismaterial gegen die damals noch übliche Kinderarbeit sammelte. Überzeugend ist nicht zuletzt die vergleichende Perspektive des Bandes, die zahlreiche Ähnlichkeiten, aber auch künstlerische Unterschiede im Umgang mit den Arbeitern offenbart. Denn während in Großbritannien und in den USA die Industriearbeit - so Friese-Oertmann - negativ konnotiert sei, war sie im Deutschen Reich Ausdruck des nationalen Fortschritts, was sich eben auch in der bildlichen Darstellung ausdrückte.

FAZIT: Ein kurzweilig zu lesende kunstsoziologische Studie, die sich in vergleichender Perspektive mit dem Arbeiter als Bildmotiv befasst und dabei anhand eines großen Bildkorpus' dem Leser viele interessante Einblicke vermittelt.

Weitere Informationen zum Buch, ein Blick ins Inhaltsverzeichnis sowie eine Leseprobe finden sich auf der Webseite des Verlags.

Matthias Jakob Schmid



Hardcover | Erschienen: 6. Januar 2017 | ISBN: 9783496015666 | Preis: 59,00 Euro | 420 Seiten | Sprache: Deutsch

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