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 Die Welt des Mittelalters

Erinnerungsorte eines Jahrtausends


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Gesamt ++++-
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Preis - Leistungs - Verhältnis
Der Zeitraum zwischen 500 und 1500 wird gemeinhin als das Mittelalter bezeichnet. Gelegen zwischen der Antike und der Renaissance haften dieser Zeit häufig Attribute wie düster, unwirtlich oder kriegerisch an. Doch wie gut, dass sich die Zeiten wandeln und inzwischen die Vielfalt des Mittelalters gewürdigt wird. Ausgehend vom Konzept der "Erinnerungsorte" möchte der vorliegende Band seinen Lesern genau diese Vielfalt nahebringen. Gemeint sind dabei jedoch keinesfalls nur Orte oder Bauwerke, sondern eben auch prägende Personen oder Ideen sowie zentrale Institutionen oder Dokumente der Zeit, die entweder bereits von den Zeitgenossen als bedeutsam eingestuft wurden oder erst im Nachhinein eine solche Zuschreibung erfuhren.


Was eigentlich ist speziell mittelalterlich und was ist in späteren Jahrhunderten als mittelalterlich dazu erfunden oder buchstäblich verschleiert worden?


In jedem Fall zeichnet der Band mit seinen 33 Beiträgen ein sehr kurzweiliges Bild des Mittelalters. Er deckt sowohl gängige Aspekte ab - zum Beispiel die Rolle Jerusalems oder die Ritter - als auch Spezielleres wie die Erfindung der Brille oder den Drachenkampf als Sinnbild des Kampfes zwischen Gut und Böse. Damit schaffen die beiden Herausgeber Johannes Fried und Olaf B. Rader ein derart buntes, vielfältiges Bild des Mittelalters, das wenig gemein hat mit der klischeebeladenen Vorstellung einer finsteren und barbarischen Zeit.

Die Besonderheit des Buches ist sicherlich, dass dieses auch das Erbe beziehungsweise das Nachwirken des Mittelalters in späteren Zeiten thematisiert, also wie sich die einzelnen "Erinnerungsorte" entweder ihren Weg in die Gegenwart bahnten - so im Falle der Burg - oder auf welche Art und Weise diese von der Nachwelt mit Bedeutung aufgeladen wurde - beispielsweise im Falle der mittelalterlichen Universität.

Immer wieder stellen die Autoren Verbindungslinien zur Gegenwart her und zeigen, dass die Erinnerung an das Mittelalter im Hier und Jetzt greifbar, wenn auch nicht immer bewusst ist. Ein typisches Beispiel sind hier die in vielen süddeutschen Städten vorzufindenden Pestsäulen wie die Münchner Mariensäule. Sehr interessant ist es, wenn sogar Denkmuster wie der Umgang mit der Pestgefahr auch heute noch zu beobachten ist, wie Neithard Bulst am Beispiel des Pestsausbruchs in der indischen Stadt Surat im Jahre 1994 darlegen kann. Bisweilen bewegen sich die Gegenwartsbezüge im Bereich von sprachlichen Wendungen, die im Alltag kaum mehr mit dem eigentlichen Ursprung im Mittelalter in Verbindung gebracht werden - so zum Beispiel jene Bezeichnungen, die sich von den Rittern ableiten.


Rittersporn und Eisenhut - den Spuren von Ritter und Rittertum begegnen wir buchstäblich auf Schritt und Tritt. Ob in der Natur, wo die beiden Pflanzennamen an die ritterliche Rüstung erinnern, oder etwa in der Welt der Küche bei dem "Arme Ritter" genannten einfachen Gericht [...]


Prägend für den Band ist, dass die Autoren ihre Erkenntnisse immer wieder anhand von prägnanten Fallbeispielen darlegen, sodass Leser tief in die Lebens- und Gedankenwelt des Mittelalters eindringen kann. Allerdings schadet es nicht, wenn diese über etwas Vorwissen verfügen, um die Darlegungen besser einordnen zu können, da die Artikel eben fallbezogen und nicht lexikonartig verfasst sind. Allerdings heben die Autoren zentrale Momente durchaus hervor und relativieren so manche Fehlvorstellung, wenn beispielsweise davon die Rede ist, dass das Zeitalter der Kathedralen kaum mehr als hundert Jahre angedauert hat.

In einigen Fällen beruhen die Ausführungen zudem auf visuellen Überlieferungen, welche zum Teil auch als Schwarz-Weiß-Abbildungen im Buch zu finden sind. Zu jedem Beitrag finden sich außerdem am Ende des Buches weiterführende, wenngleich nicht ganz aktuelle Literaturhinweise. Sehr hilfreich sind insbesondere das Personen- und das Ortsregister.

FAZIT: Anhand von exemplarischen Erkundungen zeigt der aufschlussreiche und tiefgründige Band nicht nur die Vielfalt der mittelalterlichen Lebenswelt, sondern auch, wie das Erbe dieser Zeit in späteren Epochen gepflegt wurde und sogar bis heute nachwirkt.

Weitere Informationen zum Buch, ein Blick ins Inhaltsverzeichnis sowie eine Leseprobe finden sich auf der Webseite des Verlags.

Matthias Jakob Schmid



Hardcover | Erschienen: 16. Januar 2017 | ISBN: 9783406622144 | Preis: 19,95 Euro | 560 Seiten | Sprache: Deutsch

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