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 Blauschmuck


Cover
Gesamt +++++
Anspruch
Brutalität
Gefühl
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
Filiz wächst mit vielen Geschwistern in einem türkischen Dorf auf. Gewalt gegen Frauen und auch Kinder gehört dort zur Tagesordnung. Als Filiz elf oder zwölf Jahre alt ist, bestimmt der wenig ältere Yunus, dass sie ihn heiraten wird. Sie verliebt sich in ihn, und mit fünfzehn heiratet sie ihn tatsächlich: heimlich, gegen den Willen ihres Vaters.

Was nun beginnt, wirkt wie eine schier endlose Tyrannei. Zunächst ist Filiz den Schikanen ihrer verwitweten Schwiegermutter ausgesetzt, wenn Yunus wegfährt und das wenige Geld seiner Mutter verspielt, und beide drangsalieren sie, wenn er zurückkommt. Daran ändern nicht einmal die Geburten der drei Kinder etwas. Im Gegenteil: für die Schwiegermutter bedeuten die Kleinen weitere Esser, die ihre kleine Landwirtschaft ernähren muss.
Auch die Übersiedlung nach Österreich bringt zunächst keine Besserung. Zum Glück knüpft Filiz dort ein paar zarte Kontakte zu Österreicherinnen, sodass schließlich eine Wende möglich wird.

"Blauschmuck" nennen die Frauen in Filiz' alter Heimat die Hämatome, die ihnen ihre Männer beibringen, je nach Misshandlungswerkzeug und -intensität in unterschiedlichen Blautönen. Dort fallen eher Frauen auf, die solchen Blauschmuck nicht tragen. Filiz jedenfalls wird zu den Trägerinnen gehören, auch wenn ihr als Zwölfjähriger die "Macho"-Avancen des attraktiven Yunus gefallen und sie ihn dann ohne Zustimmung ihrer Familie mit fünfzehn Jahren heiratet.

Katharina Winkler, die Autorin, hat Filiz persönlich kennengelernt und sich deren Geschichte ausführlich erzählen lassen: die Geschichte einer Frau, die, zusammen mit den infolge der regelmäßigen ehelichen Vergewaltigungen geborenen Kindern, der Gewalt des Mannes und zunächst zusätzlich noch der Schwiegermutter hilflos ausgesetzt ist. Als die Familie nach Österreich übersiedelt, verschlimmert sich die Lage eher noch, denn Yunus wird krankhaft und völlig grundlos eifersüchtig, während er selbst sich eine Geliebte hält. Erst nachdem Yunus Filiz eines Tages fast totgeschlagen hat, ergibt sich für sie die Möglichkeit, ihr Leben und das ihrer mitleidenden Kinder in die eigene Hand zu nehmen.

Von Filiz' durch den gleichfalls gewalttätigen Vater mitgeprägter Kindheit über die Anfänge ihrer Ehe bis hin zum beinahe tödlichen Finale steigern sich Spannung und Schmerz. Der Leser erlebt Filiz' Entwicklung fast hautnah mit, spürt ihre zunehmende Abstumpfung, die keine ohnehin sinnlose Auflehnung zulässt. Aus Filiz' Perspektive, jedoch in der dritten Person erzählt, wirkt die Geschichte immer verstörender. Dazu trägt die eigenartige Distanziertheit erheblich bei, die Winkler als Stilmittel einsetzt, so, als schwebte die Protagonistin immer mehr losgelöst und teilnahmslos über ihrem geschundenen Ich. Viele Seiten enthalten nur ganz wenige, kurze Sätze, präzise hingeworfene Wörter und viel weißes Papier. Dieses Stocken nötigt den Leser zu einer gedanklichen Fortführung, ohne dass er es möchte, denn das resultierende Kopfkino ist niemals schön.
Und dann, wenn doch einmal Ruhe einkehrt, weniger Blauschmuck verabreicht wird, fließen die Sätze und Gedanken wie befreit. Katharina Winkler spielt virtuos mit der Sprache, und der Leser kommt nicht los von dieser mal hitzeflirrenden, mal zum Erstarren kalten Geschichte, auch lange nach dem Abschluss der letzten Seite nicht.
Absolut empfehlenswert!

Eine Leseprobe, ein Video einer Lesung durch die Autorin und weitere Inhalte zum Buch werden auf der Verlagsseite angeboten.

Regina Károlyi



Taschenbuch | Erschienen: 8. Mai 2017 | ISBN: 9783518467718 | Preis: 10,00 Euro | 197 Seiten | Sprache: Deutsch

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