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 Türkische Bibliothek: Nacht und Nebel


Cover
Gesamt ++++-
Anspruch
Aufmachung
Brutalität
Gefühl
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung


Mine, die heimliche Geliebte des Geheimdienstmitarbeiters Sedat, ist verschwunden. Er selbst hat bei der Aushebung eines Terroristenunterschlupfs kaltblütig auf Fliehende geschossen. Gibt es zwischen diesen beiden Ereignissen einen Zusammenhang? Sedat macht sich auf die Suche und taucht dabei ein in die Istanbuler Niederungen der Kriminellen, Pädophilen und Polizeiwillkür. Je näher er der Lösung des Falls kommt, desto mehr zerfällt seine Selbstsicherheit. Die Kategorien "Gut" und "Böse" scheinen immer mehr zu verschwimmen, bis in einem furiosen Finale seine Lebenslüge zusammenbricht.

Der Zürcher Unions-Verlag publiziert mit Hilfe der Robert Bosch-Stiftung "Die Türkische Bibliothek", durch die dem deutschsprachigen Lesepublikum renommierte türkische Autoren näher gebracht werden sollen. Einer der ersten Bände ist "Nacht und Nebel" von Ahmet Ümit.

Der 1960 geborene Autor erlebte die vielleicht schlimmste Zeit in der jüngsten Geschichte der Türkei: Die von Bürgerkrieg geprägte zweite Hälfte der 70er Jahre und die von der Militärregierung bestimmte erste Hälfte der 80er Jahre. Ein Jahrzehnt, in dem unzählige Menschen gewalttätigen Ausschreitungen zum Opfer fielen oder später, nach dem Militärputsch 1980, im Zuge einer gnadenlosen Säuberungswelle für immer in Gefängnissen verschwanden.

Diese Jahre verbrachte Ümit als "aktiver Militanter" der Türkischen Kommunistischen Partei und lange Zeit auch im Untergrund, im Kampf gegen die Militärjunta. Mit knapp dreißig Jahren gelangte er zur Einsicht, "dass die Politik nur geringe Handlungsspielräume" biete und er "als Schriftsteller mehr leisten könnte." Diese Einsicht war ein Glücksfall für die türkische Literatur. Denn Ümit etablierte sich mittlerweile mit seinen Erzählungen, Essays und Kriminalromanen in der türkischen Literaturlandschaft. Besonders seine Krimis sorgen für heftige Diskussionen.

Sein erster ins Deutsche übersetzte Roman "Nacht und Nebel" ist ein Krimi, zugleich jedoch auch ein politischer und sozialer Roman, übt er doch unterschwellig Kritik an dem türkischen Verständnis der Demokratie und den gesellschaftlichen Verhältnissen.

Die Geschichte ist in Präsenz geschrieben und führt den Leser sofort ins Geschehen ein: "Ich kann die Hitze fühlen, die über meine Haut streicht. Warum schwitzen nur meine rechte Schulter und die rechte Seite des Bauches? Das verstehe ich nicht. Und weil ich es nicht verstehe, steigt Angst in mir auf. Ich fürchte mich vor meiner Vergangenheit, vor meinen Gedanken, meinem Körper und vor diesem alten Haus."

Der Krimi ist spannend, eben weil es nicht dem herkömmlichen Muster entspricht. Ümit hat keinen Serienhelden geschaffen und bleibt dem klassischen "Who-done-it" fern. Vielmehr benutzt er die Gattung des Kriminalromans, um auf literarisch hohem Niveau Gesellschafts- und Sozialkritik zu üben und brilliert durch seine präzisen Recherchen. Der Leser entwickelt im Laufe der Geschichte Verständnis für Sedat, den Handlanger des Geheimdienstes. Bei all seinem Tun ist er durch und durch Türke, der sich selbst beim Morden an die Konventionen seines Volkes hält, und der den langen Arm der eigenen Sippe mit ihren Ansprüchen zu spüren bekommt. Sedat macht als Protagonist eine glaubwürdige Entwicklung durch.

Das schockierende und völlig unerwartete Ende beweist, dass Ümit kein Autor ist, der sich mit herkömmlichen Plots abgibt. Der Türke ist ein Autor, bei dem es lohnt, sich auf ihn und seinen ungewöhnlichen Krimistil einzulassen. "Nacht und Nebel" ist ein ergreifendes Buch, das einem unter die Haut geht.

Nikola Poitzmann



Hardcover | Erschienen: 01. August 2005 | ISBN: 3293100023 | Originaltitel: Sis ve Gece | Preis: 19,90 Euro | 365 Seiten | Sprache: Deutsch

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