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 Rome, Inc.

The Rise and Fall of the First Multinational Corporation


Cover
Gesamt ++++-
Wenn man nicht zufällig Historiker ist, präsentiert sich die Geschichte der Antike mitunter sehr trocken; nicht umsonst verbinden viele Erwachsene mit dem Geschichtsunterricht immer noch gähnende Langeweile. Dass dem nicht so sein muss, beweist der amerikanische Autor Stanley Bing in seinem Buch "Rome, Inc.". Darin vergleicht er das antike Rom mit einer Kapitalgesellschaft, und die Parallelen wirken in der Tat verblüffend, wenn man die Geschichte der größten antiken Weltmacht aus diesem Blickwinkel betrachtet.
Schon die legendären Anfänge Roms erinnern an ein Familienunternehmen. Romulus und Remus gründen ihre Stadt, sozusagen ihr Unternehmen, und bieten den Bürgern, sprich: Angestellten, eine Identifikationsmöglichkeit, indem sie die Bürgerrechte einführen. Nachdem einer der Partner, was auch in den besten Familien vorkommt, dem anderen lästig wird, kommt es zum Eklat, und nun haben wir nur noch einen CEO, Chief Executive Officer (Vorstandsvorsitzenden), Romulus. Dieser startet einen ersten Versuch zur Globalisierung in Form einer feindlichen Übernahme, indem er den konkurrierenden Sabinern eine wichtige Ressource, nämlich deren Töchter, wegnimmt und diese zum Einlenken nötigt. Da auch die Sabiner schließlich die Bürgerrechte erhalten, gehen sie rasch im neuen Unternehmen auf.
Später werden, wie der Autor launig ausführt, ausländische Manager eingekauft, die etruskischen Könige. Aber das mittlere Management aus einheimischen Personalressourcen erkennt die Höherwertigkeit dieser Könige nicht an. Es kommt zur Vertreibung der Fremden und zur Republik.
Und so setzt sich die Unternehmensgeschichte von Rom fort. Der Autor stellt gut nachvollziehbar dar, wie Rom seine Globalisierungspolitik fortsetzt, indem es weitere feindliche Übernahmen vollzieht (wenn dies aus strategischen Erwägungen oder vor allem wegen der Versorgung mit Nahrungsmitteln wünschenswert erscheint) und den Übernommenen die Möglichkeit anbietet, Bürgerrechte und damit Aufstiegsmöglichkeiten in der Firma zu erhalten, wie sie sich ihnen in ihren barbarischen Stammeskulturen (aus römischer Sicht) nie geboten hätten. Dieser simple Trick funktioniert eigentlich immer, ob nun der Senat regiert oder der gottgleiche Kaiser.
Die "Firma" scheitert, als im Zuge der Völkerwanderung zu viele mehr oder weniger spezialisierte, kleine und sehr bewegliche Konkurrenten auftauchen. Das hochkomplexe Gebilde Rom, das schon über Generationen hinweg an einem Mangel an wirklich charismatischen Führungskräften krankte, kann darauf nicht mehr reagieren, es hat sich ganz einfach überlebt. Und so übernehmen neue Erfolgsmodelle die Macht in der alten Welt.

Eingefleischten Historikern mögen angesichts dieser Sichtweise die Haare zu Berge stehen, der Laie erhält auf äußerst lebendige Weise einen Einblick in Roms Geschichte und seinen rasanten Aufstieg und Niedergang. Der geschichtliche Hintergrund wird trotz der sehr humorvollen bis sarkastischen und flapsigen Erzählweise fundiert und mit gründlichen Erläuterungen dargestellt. Der inhaltliche Bogen spannt sich von den mythischen Anfängen, das heißt, Aeneas, Romulus und Remus, bis hin zu den Wirren der Völkerwanderung und zum letzten weströmischen Kaiser Romulus Augustulus, der im Grunde schon keinerlei Bedeutung mehr besaß.
Es mag auf den ersten Blick etwas weit hergeholt erscheinen, das römische Reich mit einer Kapitelgesellschaft zu vergleichen. Doch der Autor zeigt die engen Parallelen sehr deutlich auf und bietet immer Beispiele moderner Großunternehmen, Führungspersönlichkeiten (darunter unter anderem Bill Gates und Walt Disney) und kleinerer Konkurrenten an, die seine Darstellung belegen. Wo sich eine Wende in der "Firmenpolitik" vollzieht, findet der Leser immer auch eine Zusammenfassung der wichtigsten Änderungen in Form einer Art tabellarischer Übersicht.
Das Schlusswort fasst noch einmal die zahlreichen Parallelen zwischen Rom und kapitalistischer Firmenkultur zusammen und zeigt Chancen und Risiken von Wirtschaftsunternehmen anhand des römischen Beispiels auf. Nicht jeder Leser wird hier uneingeschränkt zustimmen, doch Bings Ideen sind gut begründet und nachvollziehbar.
Stanley Bings Englisch ist für deutschsprachige Leser mit leidlich guten Englischkenntnissen problemlos zu verstehen; wer mit der Sprache besser vertraut ist, wird sich über manches charmante und zweideutige Wortspiel amüsieren.
Das Buch ist ein Paradebeispiel für amerikanische populärwissenschaftliche Literatur; es bietet viele interessante und wissenswerte Informationen auf äußerst originelle Weise, ohne ins Triviale abzurutschen. Wer Geschichte mag, nicht aber trockene Geschichtsbücher, wird an der Lektüre viel Vergnügen haben und dabei eine Menge lernen.

Die Verlags-Seite zum Buch: weitere Informationen und Online-Bestellmöglichkeit

Regina Károlyi



Taschenbuch | Erschienen: 1. Januar [Value3] | ISBN: 9780393329452 | 224 Seiten | Sprache: Englisch

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