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 Deutschlandreise

Autoren: Roger Willemsen
Verlag: Fischer

Cover
Gesamt ++---
Anspruch
Preis - Leistungs - Verhältnis
Wenn Roger Willemsen, bekannt vor allem durch die Fernsehsendung "Willemsens Woche", ein Buch über Deutschland schreibt, dann ist das weder leichte Kost noch ein brauchbarer Reiseführer, auch wenn der Titel es vermuten ließe. Für "Deutschlandreise" hat er eben eine solche unternommen, eine Zugfahrt quer durch sein Heimatland mit Station in großen Städten und kleinen Dörfern. Sehenswürdigkeiten hat er dabei ausgespart, er will Menschen in ihren jeweiligen Lebensräumen erfahren. Drum begibt er sich dorthin, wo man sonst in der Regel nicht hingeht. Er will nicht Tourist sein, sondern Sozialforscher.
Die Reise beginnt mit einer Einleitung, deren Einstieg einen in den Lesebann zieht. "Ich sitze im Zug und fahre weit weg. Nach Deutschland." Und dieses Deutschland berührt er als erstes in Hamburg, wo er lebt, genauer gesagt St. Pauli. Dann reist Willemsen, bisweilen in Begleitung, weiter über Sylt in die neuen Bundesländer, Rostock, Berlin und Frankfurt/Oder werden um sein Haltmachen bereichert, schließlich geht es dann quer durch Deutschland nach Westen, kurz Köln, länger Bonn, das seine Heimatstadt ist, dann hinab nach Süddeutschland. Vor allem in Bayern besucht er auch ländliche Gegenden, daneben natürlich München, bevor er über Stuttgart und Münster wieder nach Norden fährt und kurz hinter Wilhelmshaven die Reise beendet. Er beobachtet Menschen, vor allem Urlauber, Mitreisende im Zug und Stadtbewohner, verfolgt Dialoge oder nimmt an solchen teil, beschreibt Ort- und Landschaften, berichtet, meint und kommentiert in teils pointierten Anekdoten und kulturkritischen Ausführungen.

Elke Heidenreich hat recht, wenn sie auf der Buchrückseite das Werk zwischen Sachbuch und Belletristik einordnet, denn es ist von beidem ein bisschen. Aber ob sie auch darin richtig liegt, dass sie Willemsen als Dichter bezeichnet? Dichter an Deutschland dran als jeder Reiseführer? Das kann man wohl höchstens an seiner Art zu schreiben festmachen, denn seine Formulierungen sind raffiniert und elegant, zeigen Schönheit, Vielseitigkeit und Härte der deutschen Sprache und füllen viele Zeilenzwischenräume. Aber beschreibt er Menschen wirklich so, "dass wir in ihr Herz sehen"? Das macht für Frau Heidenreich den Dichter aus. Und vielleicht findet sich das wirklich irgendwo zwischen den Zeilen, wenn man gewillt ist, tief genug zu graben und all die schlichten Informationen über diese Menschen, all die Behauptungen und vielleicht gar Vorurteile beiseite zu räumen, die bei einem Großteil seiner Beobachtungen über den Zeilenrand hinaus schwappen. Vermutlich ist man aber dazu nur bereit, wenn man den Autor ohnehin gut kennt. Sowas verleiht bisweilen einen Röntgenblick, der einen zwischen den Zeilenzwischenräumen lesen lässt. Andere drohen allzu leicht, sich darin zu verirren ...
Deutschland elend Vaterland. Willemsen rezensiert sein Heimatland mit der intellektuellen Distanziertheit eines Ethnologen vom Mars, uns überlegen wie wir den Tieren, und Deutschland kommt dabei ziemlich schlecht weg. Das "Land der Dichter und Denker" findet er nicht, wirkt selber, als wäre er deren letzter. Er findet nur das Land der Konsumorientierten und derjenigen schlichten Gemüts, beklagt, etwas überspitzt ausgedrückt, in den Städten den (materialistischen) Fortschritt und auf dem Land die (intellektuelle) Rückständigkeit und irgendwie weiß man als Leser gar nicht, was er überhaupt will.
Und das ist es, er will nichts aussagen, will Meinung kund tun, aber nicht Meinung machen, und so liest sich das ganze Buch wie eine Abrechnung mit Deutschland. Nichts bleibt von seinem Sarkasmus verschont, nur sehr wenige Begegnungen nötigen ihm einen gewissen Respekt ab, und diese Passagen lesen sich dann, als winde er sich innerlich unter dieser Tatsache. Besonders hat er es auf Touristen abgesehen und auf dicke Kinder - Willemsen ist vermutlich der einzige Autor, dem man diese "Ehrlichkeit", die eigentlich Gehässigkeit ist, lobend durchgehen lässt. Und diese Gehässigkeit kann er auch wunderbar ausspielen, denn wer sich in Berlin im heruntergekommensten Hotel im schäbigsten Viertel einquartiert, der hat auch viel zu lästern.
Manche Passagen sind noch unverständlicher als andere. In Bonn besucht Willemsen ein Bordell, lässt seine Aufmerksamkeit dort vor allem von dem Fernseher gefangen nehmen, der im Arbeitszimmer der ihm zugeteilten Dame flimmert, und geht unverrichteter Dinge wieder, nur um festzustellen, dass besagte Dame im Arbeitsmodus ein anderes Gebaren an den Tag legt als zu Begrüßung und Abschied. Was soll uns das über diese spezielle Begegnung sagen? Nichts. Was sagt es uns über Bonn und Bonner, über Deutschland und Deutsche im Allgemeinen? Wieder nichts.
Andere Passagen wirken, als wäre der Besuch der betreffenden Stätte nur Vorwand, um bestimmte Äußerungen loszuwerden. Der Autor besucht Dresden, verliert aber über die Stadt und ihre Bewohner nur wenig Worte, seine langen Ausführungen zu den Themen Wende, Wiedervereinigung und Verwestlichung des Ostens wirken wie vorgeschrieben, wie nie abgeschickte Leserbriefe voller Meinung und Kritik.

Willemsen kommentiert um des Kommentierens willen, zwischen seinen Zeilen herrscht dekonstruktivistisches Durcheinander. Der Autor ist intellektuell und kulturell und hat sich für seine Deutschlandreise meistens jene Orte ausgesucht, in denen er damit seiner Umgebung überlegen ist. Letztenendes trifft das wohl auf ganz Deutschland zu. Wann liest man sein Buch? Besser nicht während einer Zugfahrt, sonst will man gleich umsteigen und Deutschland verlassen. Die kurzen Anekdoten kann man mal eben zwischendurch lesen, haben sich als Klolektüre gut bewährt. Wer liest das Buch? Die Patrioten werden es verteufeln, die Deutschlandfrustrierten es in biblische Höhen erheben - "Recht hat er", "Endlich hat das mal einer gesagt". Die Kulturbegeisterten und Intellektuellen werden es gut finden, sei es wegen des scharfzüngigen Stils, der dem Buch den zweiten Stern rettet, oder weil sie eben jene scharfe Zunge fürchten. Die vielen Menschen zwischen diesen Extremen werden Willemsens "Deutschlandreise" wohl größtenteils nichts abgewinnen können, wofür man zum Glück kein Patriot sein muss, oder ihn schlicht und ergreifend nicht verstehen. Um des Autors Kritik an der Konsumorientiertheit entgegen zu kommen, bietet es sich als ersten Schritt an, dieses Buch nicht zu konsumieren.

Stefan Knopp



Taschenbuch | Erschienen: 1. September 2004 | ISBN: 9783596160235 | Preis: 8,95 Euro | 206 Seiten | Sprache: Deutsch

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