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 Ein liebender Mann

Autoren: Martin Walser
Verlag: Rowohlt Tb

Cover
Gesamt +++--
Anspruch
Aufmachung
Gefühl
Humor
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung


Goethe. Das ist nicht nur ein Name, das ist ein Symbol literarischer und geistiger Potenz. "Goethe" ist die Machtinstanz seiner literarischen Epoche, die Form- und Inhaltsbegriffe festsetzen konnte. "Goethe" ist eine Rolle, eine Kapazität. Deutlich wird dies, wenn Gerhart Hauptmann und Thomas Mann in der Weimarer Republik darum buhlen, sich in dessen Nachfolge sehen und stellen zu dürfen. "Goethe" zu sein bedeutet DER Dichter der Epoche zu sein. Dieser Figur, dem späten, 73-jährigen Goethe, hat sich der 81-jährige Martin Walser in seinem aktuellen Roman zugewandt und man tut weder dem Autor noch dem Buch unrecht, Parallelen zwischen dem Autor und seinem Protagonisten zu ziehen.

Man weiß bei Martin Walser nie, ob einem zum Lachen oder zum Weinen ist, ob es sich um ein listiges oder ein trauriges Augenzwinkern handelt. Darin, das Groteske im Alltäglichen, Bekannten oder Gefeierten zu entdecken, besteht Martin Walsers Talent. Im Buch kollidieren nun Figur und Rolle beziehungsweise treten sie so auseinander, dass sich eben jener tragisch-komische Effekt einstellt, Goethe und "Goethe" stehen sich gegenüber.

Der - wie Walser selbst - nicht mehr junge Goethe verbringt seinen Sommer in Marienbad, einem jener Zentren, in dem sich die aussterbende höfische Gesellschaft im Sommer aufhält. Dort lernt der Großschriftsteller die 19-jährige Ulrike von Levetzow kennen und verliebt sich in sie. Diese "amour fou" macht aus dem 73-jährigen einerseits einen lächerlichen, einen "unmöglichen Menschen", wie ihn seine schablonenhaft gezeichnete Schwiegertochter Ottilie beschimpft, und stellt andererseits seine Bedauerungswürdigkeit aus. Seine Liebe wird von Ulrike durchaus erwidert und in dem 49 Tage andauernden Sommer scheint aus den beiden beinahe ein Paar zu werden. Doch natürlich, das verdeutlicht schon der Begriff "amour fou", stehen alle gesellschaftlichen Konventionen gegen sie und die zweite Hälfte des Romans schildert den Kampf Goethes gegen die Konventionen - und damit gegen sich selbst. Und was ist es denn, das die Liebe hervorruft, ist es dass er Goethe ist oder dass er "Goethe" ist?

Goethe ist alt und es scheint, als sei er nur mehr Verwalter seines Werkes. Mit einem Augenzwinkern denkt man da natürlich an einen anderen Großschriftsteller, Martin Walser selbst, der an nationalen Preisen gewonnen hat, was zu gewinnen ist, dessen Texte längst in Literaturwissenschaft und Schule kanonisiert sind. Aus dieser Situation Goethes als sein eigener Nachlassverwalter ergibt sich im besten Stile eines historischen Romans eine Unzahl von Anspielungen aus dem Goetheschen Werk, auf Werther, Wilhelm Meisters Lehrjahre oder Goethes Farbenlehre. Doch die Liebe, so scheint es, beflügelt und zerstört den alten Goethe und ermöglicht es ihm an der Marienbader Elegie und dem Romananfang "Ein liebender Mann" zu schreiben.

Immer wieder werden amüsante Motive eingestreut, beispielsweise die Abneigung Goethes gegen Brillen und die Rücksichtnahme seiner Umgebung, bis dieser komische Aspekt einen bitteren Nachgeschmack erhält, als er aufgrund seiner Kurzsichtigkeit nicht erkennen kann, ob es sich bei einer Gruppe von Personen, die in Weimar aufhält, um die von Levetzows handelt. Selbst als ihm sein Diener bestätigt, seine Vermutung sei richtig, kann er nicht einfach hinübergehen, immerhin ist allgemein bekannt, dass er kurzsichtig ist und Ulrike gar nicht erkannt haben kann.

Goethe treibt sich selbst in den Eifersuchtswahn, als der Schmuckhändler de Ror als Verehrer Ulrikes neben ihm auftaucht. Dieser de Ror, der mit dem Goethe-Neologismus "Velozifer" bezeichnet wird, verkörpert die neue, die bewegliche Zeit. Damit gerät Ulrike zwischen zwei Zeiten, eine neue und eine alte, zwischen Kapitalismus und Idealismus. Walser weiß das humoristische Potential der indirekten Rede in seinen Dialogen meisterhaft auszuschöpfen, ein Mittel, das er schon lange vor Daniel Kehlmann und Andreas Maier kultivierte. So entstehen immer wieder unterhaltsame und witzige Wortwechsel, die gespickt sind mit feiner Ironie.

Goethe oszilliert von einem gewandten Gesellschafter zu einem Liebesbetrunkenen zu einem - man verzeihe die plastische Wortwahl - geilen Bock. Damit durchquert "Ein liebender Mann" den Raum von der hohen Liebe zum bloßen Begehren, vom Subjekt zum Objekt. Diese Demontage ist ein Glücksfall an Selbstironie, gegen die gesellschaftliche Position "Goethe" wie gegen die Gesellschaft und ihre Konventionalität selbst. Martin Walser nimmt darin mit souveräner Selbstironie den Kampf dagegen auf, selbst als Klassiker abgestempelt zu werden und sein eigenes Werk zu überleben; er sucht und findet eine Möglichkeit, dem vorzeitigen literarischen Tod ein Schnippchen zu schlagen, indem er diesen Tod selbst beschreibt.

Stefan Rehm



Hardcover | Erschienen: 01. März 2008 | ISBN: 9783498073633 | Preis: 19,90 Euro | 288 Seiten | Sprache: Deutsch

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