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 Die Sirenen von Bagdad


Cover
Gesamt ++++-
Anspruch
Aufmachung
Brutalität
Gefühl
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung
Ton


Said ist traurig. Seit die Amerikaner in Bagdad einmarschiert sind, ist sein Traum von einem Literaturstudium ausgeträumt. Der Beduine sitzt wieder in seinem kleinen Dorf und schlägt sich nur mühsam durch. Nur seine große Schwester ist in Bagdad geblieben und arbeitet dort als Ärztin. Seine Zwillingsschwester Farah bestärkt ihn zwar darin, weiter alles zu versuchen, um ebenfalls Akademiker zu werden, doch ist ein Ende des Krieges nicht abzusehen und Said kommt sich wie ein Verräter an seinem Volk vor. Alle seine Freunde haben sich dem Widerstand angeschlossen oder wenigstens das Dorf verlassen. Nur Said rührt sich nicht von der Stelle. Er hat nie zurückgeschlagen, sich nie provozieren lassen, nie daran gedacht, auch zur Waffe zu greifen und sich an den Ungläubigen zu rächen.
Doch eines Nachts ist auch sein Leben, so wie er es führt, ein für allemal vorbei. Ein Trupp Soldaten dringt in das Haus ein, zerrt die Frauen auf den Gang, zertritt die Einrichtung und richtet ein heilloses Chaos an. Sie sind auf der Suche nach Waffen und Propagandamaterial. Doch dann zerren sie auch seinen Vater auf den Gang. Sie werfen den halbnackten Mann zu Boden. Said sieht das Unaussprechliche, nicht Zeigbare, Intimste und unverrückbar Privateste des alten Mannes, als das Nachthemd verrutscht. Diese Schande ist nur mit Blut abwaschbar. Als braver, gottesfürchtiger Beduinensohn hat Said nur noch eine Aufgabe in seinem Leben, er muss diese verruchte Tat rächen. Nie wieder darf er seinem Vater in die Augen sehen, noch dessen Haus betreten, wenn er nicht vergolten hat, was die Amerikaner seinem Vater und all seinen Ahnen angetan haben.
Said bricht am nächsten Morgen auf und reist nach Bagdad. Er ist zu allem bereit, sei es noch so grausam und furchtbar, um seine innere Ruhe wieder zu finden.

Der Algerier Mohammed Moulessehoul schrieb 2006 unter dem Pseudonym Yasmina Khadra einen Roman, der Anklage, Erklärung und Botschaft zugleich ist. Eine Anklage gegen die Amerikaner, die den Irak ohne Grund und mit grausamer, unangemessener Härte angegriffen haben - einzig um die riesigen Ölreserven des Landes unter ihre Kontrolle zu bringen - so zumindest die Sicht der irakischen Stimmen in diesem Buch. Eine Erklärung des Terrors, der seitdem in den Straßen von Bagdad ausgebrochen ist und der das einstmals schöne Land fast komplett zerstört und unregierbar gemacht hat. Und eine Botschaft: Der Autor versucht, den Irakern und den Amerikanern gleichermaßen klar zumachen, dass sie, indem sie sich gegenseitig zerstören, Gott und Menschenwürde mit Füßen treten und nichts außer Zerstörung damit erreichen. Und zwar eine Zerstörung des Inneren, der Achtung und der Würde des Menschen - jedes Menschen, gleich welchen Glaubens.

Dies konzentriert er in einem Einzelschicksal, das aufzeigen soll, wie es zum Widerstand, zum Terror und zur Verrohung der Seelen kommt und was man dagegen tun kann. Er redet nicht den islamischen Hardlinern das Wort, glorifiziert nicht den Terror und spart auch nicht mit Kritik an den irakischen Positionen in diesem sinnlosen Krieg. Doch vor allem greift er die Amerikaner und ihr Weltbild, ihr Verhalten und ihre Schuld auf. Mit klaren Worten verdammt er diesen Krieg und macht anhand des Schicksals von Said klar, dass daraus nur Böses erwächst. Niemals kann mit Gewalt Frieden geschaffen werden.

Im Gegensatz zu den Amerikanern und Irakern lässt er seinem Helden einen Ausweg. Er gibt ihm im richtigen Augenblick seinen Verstand wieder und lässt ihn in Würde seine eigene, nicht von den Kriegsparteien aufgezwungene Haltung vertreten. Doch gleichzeitig macht er auch bewusst, dass es keine Lösung gibt, nur einen eigenen, persönlichen Weg, den jeder Mensch beschreiten sollte.

Das alles verpackt Moulessehoul in bewegender Sprache, wunderschönen Sätzen und sehr tristen Bildern. Seine Anklage ist deutlich, aber auch warmherzig. Sie stellt den Menschen in den Mittelpunkt und beschäftigt sich mit seiner Seele und seinen Wertvorstellungen. Doch bei aller Nettigkeit ist es auch eine klare Botschaft an den Westen im Allgemeinen und an die Amerikaner im Speziellen, mit ihrem Tun inne zuhalten und einen Dialog zu versuchen. Denn sonst, das wird in diesem Text klar, kommt es zur Katastrophe.

Unter der Regie von Frank-Erich Hübner ist aus diesem schwierigen, verstörenden und traurigen Buch ein packendes, aber nicht minder trauriges Hörspiel geworden. Dank einer erstklassigen Besetzung und der eindringlichen Musik von Haarmann ist es ein sehr kurzes, manchmal fast kryptisches, immer aber faszinierendes Stück brisanter, hörbarer Literatur geworden.

Wer einen offenen, provokanten und gleichwohl differenzierten Blick auf die Menschen werfen will, die im Irak nach dem amerikanischen Einmarsch versuchen zu überleben, sollte sich "Die Sirenen von Bagdad" anhören. Er macht klar, wie wenig der aufgeklärte Westeuropäer von der Seelenlage dieser Menschen verstanden hat, wenn er sich auf Berichte und Erklärungen aus seinem eigenen Umfeld verlässt. Aber Vorsicht, dieses Hörspiel ist absolut unverträglich mit dem Standpunkt der kriegführenden Amerikaner und ihrer Haltung dem Islam gegenüber und schürt ohne Zweifel in dieser Hinsicht den gegenseitigen Hass.

Stefan Erlemann



CD | CD-Anzahl: 2 | Erschienen: 1. April 2008 | Laufzeit: 108 Minuten | Originaltitel: Les Sirènes de Bagdad | Preis: 19,95 Euro

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