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 Könnte Köln sein

Städte. Baustellen. Roman


Cover
Gesamt +++--
Anspruch
Aufmachung
Brutalität
Gefühl
Humor
Preis - Leistungs - Verhältnis
Spannung


Großstädte sind elementarer Bestandteil unserer gegenwärtigen Lebenswirklichkeit. Diskutieren wir heute nicht mehr in erster Linie den Gegensatz von Stadt und Land, so liegt dies vor allem daran - wie Henri Lefebvre bereits 1970 in "La révolution urbaine" (Die Revolution der Städte) herausarbeitete -, dass diese Großstädte und deren Funktionsweise die Gesellschaft schon so durchdrungen haben, dass der Antagonismus hinfällig ist. Die Großstadt ist raumlos geworden. Und so verweist bereits der Titel von Andreas Neumeisters neuem Roman "Könnte Köln sein" auf diese - wenn man so will - postmoderne Konstellation. Die Städte sind austauschbar, und so ist Köln nur das letzte Glied einer langen Reihe von Stadtbeschreibungen von München, New York, Los Angeles, Paris, Rom, Mexiko und vielen anderen mehr.

Doch täte man dem Roman - der exakte Untertitel lautet "Städte. Baustellen. Roman" - unrecht, das Wort "Beschreibung" unkommentiert stehen zu lassen. Es handelt sich nicht um Beschreibungen in dem Sinne, in dem diese Bezeichnung es erwarten ließe, sondern um montierte Bruchstücke. In dieser fragmentarisierten Form findet sich zugleich die Grundbefindlichkeit der Großstadt, nach der der Text schweifend sucht, wieder. Paul Virilio veranschaulichte dies in seinem Essayband "Panische Stadt" (2007) am Beispiel der Metro, die durch das Unter- und Auftauchen eine fragmentarisierte Vorstellung der Stadt hinterlasse. Und so prasselt ein Bruchstück nach dem anderen auf den Leser ein, häufig lose, meist gar nicht mit den vorangehenden und nachfolgenden verbunden, nur noch zusammengehalten in der losen Hülle des Namens einer Großstadt: könnte München sein, könnte New York sein, könnte Köln sein.

So bietet der Roman keine Handlungen oder Ereignisse und er verzichtet konsequenterweise auf Romanfiguren. Stattdessen versucht er in der Form der Montage den Zusammenhang von Bildlichkeit und Literatur zu demontieren. Häufig trifft man auf das Kürzel "Abb.", doch ohne dass die Abbildung folgen würde. So verliert die Erklärung ihren Bezug und schwebt isoliert im Raum. Durch diesen Konventionsbruch, durch die Auflösung von Bezügen wird zugleich die Virtualiserung thematisiert. Endet der Roman im titelgebenden Köln, so endet er signifikanterweise im Rechenzentrum, dem neuen Knotenpunkt der Megacitys.

Die Oberfläche der Städte ist die Architektur und so wird diese Außenhaut immer wieder in den Mittelpunkt gerückt, beispielsweise die "sieben Schwestern" genannten Hochhäuser in Moskau. Doch in der Montage wird der bloßen Bildbeschreibung die Stadt in ihrer Bruchstückhaftigkeit gegenübergestellt, seien es Anekdoten, Beschreibungen von Fotos oder Zitate. Die Architektur wird zum Raum, in dem sich Gesellschaft widerspiegelt und verliert damit zugleich ein Stück Unmittelbarkeit.

Andreas Neumeister wird in dem zugehörigen Wikipedia-Artikel in die Nähe der Pop-Literatur gerückt. Davon ist in "Könnte Köln sein" nichts zu spüren. Der Roman verweigert sich einer populären Lesefreundlichkeit geradezu. Ihm fehlt vollständig die übliche Fokussierung auf den Lesefluß, auf das Erzählen. Stattdessen beschreibt er nur und auch diese Beschreibung ist bedingt durch die Medialität ein einziges Defizit. Was Neumeister mit seinem neuen Buch abgeliefert hat, ist keine Pop-Literatur, sondern geriert sich als intellektualistische Avantgarde. Und so handelt es sich um ein lobenswertes Buch, aber Spaß, Spaß im herkömmlichen, im populären Sinn, hat man beim Lesen nicht.

Stefan Rehm



Hardcover | Erschienen: 01. Februar 2008 | ISBN: 9783518419199 | Preis: 16,80 Euro | 250 Seiten | Sprache: Deutsch

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